Heute stand ein Tagesausflug aus Boudhanath hinaus auf dem Plan. Unser neues Ziel war ein alter Buchladen sowie die Tempelanlage Swayambhunath.

Swayambhunath ist eine der bedeutendsten buddhistischen Stupa-Anlagen in Nepal und liegt auf einem Hügel im Westen von Kathmandu. Der Ort ist vielen auch als „Affentempel“ bekannt, da dort zahlreiche Affen leben. Für viele Praktizierende ist Swayambhunath ein besonders kraftvoller Ort, an dem seit Jahrhunderten Gebete, Koras und buddhistische Praxis ausgeführt werden.

Zuerst fuhren wir gemeinsam mit dem Taxi zu dem Buchladen. Als wir die Abteilung für buddhistische Werke besuchten, war ich regelrecht fasziniert. Noch nie hatte ich zu diesem Themenbereich so viele Bücher an einem Ort gesammelt entdeckt. Es war spannend, die einzelnen Titel zu lesen, manche Werke herauszunehmen und ein wenig darin zu stöbern.

In den letzten Jahren hatte ich bereits einige Bücher über die buddhistischen Lehren gelesen und öfter eine Bücherei in Wien besucht, die ebenfalls einige buddhistische Lehrwerke sammelte. Daher war meine Neugier auf diese Ausgaben hier in Nepal besonders gross.

Schnell versuchte ich jedoch, meine Suche nach neuem Wissen zu unterdrücken, weil ich glaubte, dass es vielleicht eine Form von Gier wäre, immer nach noch mehr und mehr zu streben. Ich empfand es fast wie einen kleinen Test, wie schnell wir uns von all den Büchern ablenken liessen.

Interessanterweise sagte Repa Gyatso später jedoch, dass wir, wenn wir all diese Weisheiten betrachten und das niedergeschriebene Wissen durchstöbern, wir die Grösse unseres Geistes erkennen können. Dann sehen wir die ganze Sammlung an Büchern auch als Bewahrung von Wissen. Auf diesem Weg können wir an die Qualität der Weisheit anknüpfen.

Ich fand es erstaunlich, wie ich manche Situationen deutete, obwohl in ihnen eigentlich so viele Möglichkeiten lagen.

Repa Gyatso gab Simon und mir dann ein Buch, das er uns empfahl mitzunehmen. Ich erkannte den Autor bereits an seinem Namen wieder und freute mich sehr darüber, eine Empfehlung von Repa Gyatso zu bekommen und dieses Buch später zu lesen.

Wir besuchten noch weitere Abteilungen des Geschäfts und Repa Gyatso suchte nach bestimmten Informationen, die vielleicht noch in einem der alten Bücher enthalten waren. Da dieser Buchladen jedoch vor vielen Jahren einmal gebrannt hatte, waren viele Bücher verloren gegangen. Somit war leider kein Werk mehr vorhanden, das jenes gesuchte und oft versteckte Wissen enthielt.

Bevor wir den Buchladen verliessen, zeigte uns Repa Gyatso noch einen Massagestift aus Holz. Diesen konnten wir beispielsweise für Druckpunkte in den Händen verwenden, zum Beispiel für jene Punkte, die Repa Gyatso uns bereits in Indien gezeigt hatte. Ausserdem erklärte er uns, dass so ein Stift ein unterstützendes Werkzeug sein könne, um wieder ins Fühlen zu kommen. Wenn wir also merken, dass wir wieder zu stark in der Logik verankert sind, können wir dadurch unsere Aufmerksamkeit zurück auf den Körper und auf die Berührung lenken. Auf diese Weise sind wir wieder unmittelbarer im Fühlen.

Wir fanden das alle eine sehr schöne Idee und kauften uns mehrere unterschiedliche Ausführungen davon.

Anschliessend machten wir uns auf den Weg nach Swayambhunath.

Repa Gyatso erzählte, dass er, als er in Nepal in der Nähe lebte, sehr viele Stunden an diesem Platz verbracht hatte.

Bevor wir nach oben zum Stupa gehen würden, sollten wir unten mindestens eine Kora laufen. Eine Kora würde je nach Tempo ungefähr 30 Minuten dauern.

Er erklärte uns nicht viel dazu, sondern begann einfach mit der Kora. Doch wir liefen sie nicht, wie man es sonst oft kennt, in langsamen Schritten. Nach und nach baute Repa Gyatso ein immer schnelleres Tempo auf, und wir alle versuchten mitzuhalten.

Bei der Umrundung gab es immer wieder kleine Schreine oder Häuschen, in denen ebenfalls Gebetsmühlen standen und die Teil der Kora waren. Hinter den Gebetsmühlen befanden sich verschiedene Abbilder von unterschiedlichen Aspekten und Qualitäten. In den Gebäuden standen oft grosse Gebetsmühlen, während an den Aussenwänden viele kleinere angebracht waren.

Nach kurzer Zeit hatten wir wirklich eine gewisse Geschwindigkeit aufgebaut. Obwohl es am Anfang für mich etwas schwierig war, mitzuhalten und gleichzeitig die Gebetsmühlen zu greifen, kam ich schnell in einen klaren Fokus.

Bei einer Zwischenfrage blieb Repa Gyatso kurz stehen und erklärte uns, dass wir gerade sehr viel Kraft in die Praxis geben würden. Wenn es jemandem zu schnell sei, solle derjenige im eigenen Tempo weitergehen. Wir würden uns dann einfach oben wieder treffen.

Doch jeder entschied sich dazu, die Geschwindigkeit beizubehalten und die Kora mit Repa Gyatso weiterzuführen.

Es war erstaunlich, wie viel Energie und Kraft ich plötzlich in mir wahrnahm. Die ganze Gruppe hatte eine Dynamik aufgebaut, die wirklich spürbar war.

Als wir bei den Treppen ankamen, die nach oben führten, erzählte Repa Gyatso uns eine Legende: Dieser Platz und diese Treppen hätten etwas ganz Besonderes an sich. Es werde erzählt, dass jeder, der die vielen Stufen (ungefähr 365 Stufen) ohne eine einzige Unterbrechung bis nach oben geht, dadurch das Karma seiner Eltern reinigen könne.

Wir alle schauten ihn mit grossen Augen an. Wenn das wirklich möglich wäre, wie unheimlich gross wäre dann die Auswirkung?

Obwohl ich bereits erahnen konnte, dass der Weg nach oben sicher mehr als anstrengend werden würde, wollte ich diese Aufgabe unbedingt schaffen und mir diese Möglichkeit nicht entgehen lassen.

Die ersten Stufen bis zu einer Art Plattform waren noch leicht zu erklimmen. Doch dann sah ich, wie steil der Weg war und wie viele Stufen noch vor uns lagen und ich bekam etwas Respekt vor dem Aufstieg.

Repa Gyatso zog bereits an mir vorbei und lief weiter die Treppen hinauf. Ich war erstaunt darüber, wie er mit so wenig Lungenvolumen schneller sein konnte als wir alle und dabei nicht einmal ins Schnaufen kam.

Da die Aufgabe darin bestand, kein einziges Mal stehen zu bleiben, hatte ich während des Gehens nicht viel Raum, um über den Weg nach oben nachzudenken. Also entschied ich mich einfach, einen Fuss nach dem anderen zu setzen und weiterzugehen.

Auf dem Weg nach oben sassen am Rand oder direkt auf den Treppen einige Affen, manche davon mit einem kleinen Affenbaby auf dem Rücken. Ich wusste, dass wir besonders Affen mit Jungtieren ignorieren sollten und versuchte einfach, einen gewissen Sicherheitsabstand zu ihnen einzuhalten.

Die letzten Stufen waren die schwierigsten. Mir war klar, dass ich ohne diese Aufgabe im Hinterkopf wahrscheinlich schon mehrmals stehen geblieben wäre. Gleichzeitig war es schön zu sehen, welche Antriebskraft in mir steckte.

Auf den letzten beiden Stufen sah ich bereits, wie Repa Gyatso ganz oben stand und uns herzlich empfing. Ich war so glücklich, dass ich es geschafft hatte, dass ich in die Knie ging, um die letzte Stufe mit einem Sprung zu absolvieren. Zufrieden sprang ich auf die Plattform.

Repa Gyatso erwähnte daraufhin, dass ich es nicht geschafft hätte.

Ausser Atem verstand ich nicht, was er meinte, und fragte nach. Er wies mich darauf hin, dass ich die letzte Stufe gesprungen sei. Und um diesen Sprung vorzubereiten und in die Hocke zu gehen, sei ich ja stehen geblieben.

Ich konnte es nicht fassen. Als ich realisierte, dass er recht hatte, dachte ich keine weitere Sekunde nach. Ich drehte mich um und entschied mich, alle Stufen wieder hinunterzurennen, damit ich nicht zu viel verpassen würde. Ich wollte die ganzen Stufen noch einmal erklimmen.

Es gab nur noch dieses eine Ziel: die Stufen noch einmal von unten bis ganz nach oben durchzulaufen. In diesem Fokus verschwanden Gedanken an Erschöpfung oder Ähnliches komplett.

Also lief ich noch einmal alle Stufen nach oben.

Oben angekommen suchte ich nach der Gruppe. Ich sah sie beim Stupa stehen. Repa Gyatso fragte mich, ob ich es nun geschafft hätte, und zufrieden bejahte ich seine Frage.

Da begann er mit einem Teaching, das die Sicht von uns allen veränderte:

Es sei sehr schön zu sehen, wie viel Mitgefühl in uns stecke und dass wir bereit seien, eine solche Anstrengung auf uns zu nehmen, um das Karma unserer Eltern zu reinigen. Doch warum würden wir glauben, dass das überhaupt möglich sei? Hätten wir vergessen, wie sich das Karma eines jeden Einzelnen zusammensetzt? Wir sollten noch einmal die einzelnen Schritte durchgehen: Welche Bedingungen braucht es, damit Karma entsteht und reift? Und anhand dieser Erklärungen: Wie sollte es möglich sein, dass wir durch das Erklimmen dieser Stufen wirklich das Karma eines anderen reinigen?

So wurde noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, immer auch unsere Weisheit mit einzubeziehen und nicht blind irgendwelchen Worten Glauben zu schenken, um uns dann im Aberglauben zu verrennen.

Ausserdem sprach Repa Gyatso noch einmal meinen Sprung auf der letzten Stufe an. Er betonte, dass diese Aktion daraus entstanden sei, dass ich etwas Besonderes machen wollte. Sozusagen ein Upgrade, etwas Zusätzliches oder ein kleines Extra. Wenn wir unsere Ich-Bezogenheit jedoch immer mehr fallen lassen, erkennen wir, dass es kein Extra für uns braucht. Es gibt nichts zu beweisen, nichts Besonderes hinzuzufügen und keinen Grund, aus einer einfachen Handlung etwas Eigenes machen zu wollen.

Seine Worte brachten mich zum Schmunzeln, und ich war froh, diese Perspektive mitnehmen zu dürfen.

Wir verbrachten noch einige Zeit bei diesem Stupa und ich freute mich sehr, als Repa Gyatso sagte, dass wir in den kommenden Tagen noch einmal hierherkommen würden.