Wir verliessen Bodhgaya und da wir einen Zwischenflug nach Nepal hatten, verbrachten wir eine Nacht in Delhi.
Wir suchten uns ein Hotel aus, das sich in unmittelbarer Nähe zum Flughafen befand, damit wir am nächsten Tag ohne Umwege zum Flughafen gelangen konnten.
Im Hotel angekommen, begrüsste uns an der Rezeption ein Wandgemälde, welches den Erleuchtungsbaum von Bodhgaya darstellte. Viele von uns erkannten den Baum nicht sofort, bis uns Repa Gyatso darauf hinwies und schmunzelnd bemerkte, wie sich solche Dinge dann manifestieren. Um so mehr wir also in solche Welten eintauchen würden, um so mehr würde sich dies dann zeigen.
Im Hotelzimmer eingecheckt, erfreuten sich Simon und ich zunächst an einem riesigen Zimmer mit kleinem Balkon und einer kompletten Fensterfassade. Als wir dann die Balkontür öffneten, bemerkten wir erst, dass der Boden nicht grau war, wie wir zunächst angenommen hatten, sondern weiss. Die graue Farbe entstand lediglich durch eine dichte Staubschicht, die sich darauf abgelagert hatte. Ich war sichtlich schockiert, denn eine derart dicke Staubschicht hatte ich zuvor noch nie gesehen.
Kurze Zeit später machten wir uns auf den Weg und suchten ein Restaurant, um etwas zu Abend zu essen.
Delhi war grundlegend verschieden von Bodhgaya. Es war eine Metropole und so viel Verkehr, so viele Menschen und so viel Trubel hatte ich bis dahin noch nirgendwo erlebt.

Mitten auf der Strasse befand sich zudem ein kleiner Verkaufsstand, an dem geschlachtete Tiere zum Verkauf angeboten wurden. Repa Gyatso blieb stehen und erklärte uns, dass viele Menschen einfach vorbeilaufen würden, weil sie den Anblick nicht ertragen könnten. Doch es sei wichtig, die Augen davor nicht zu verschliessen. In Europa bekommt man solche Szenen kaum zu sehen, wodurch automatisch mehr Distanz zu diesem Thema entsteht.
Zwar war es kein schöner Anblick, doch ich verstand, weshalb Repa Gyatso uns durch solche Momente führte: damit unser Mitgefühl auf allen Ebenen wachsen konnte.
Wir gingen weiter und ich bemerkte, wie schwierig es war, bei all den Eindrücken in meiner Ruhe zu bleiben und mich nicht davon hin- und herreissen zu lassen. Durch die Vielzahl an Eindrücken war ich eigentlich ganz froh, dass wir nur eine Nacht in Delhi verbringen würden.
Nach einer kurzen Nacht ging es für uns dann Richtung Flughafen, um unseren Flug nach Nepal, genauer gesagt nach Kathmandu, anzutreten.

In Kathmandu angekommen, begrüsste uns ein weiterer Schüler von Repa Gyatso, der die nächsten zwei Wochen mit uns in Nepal verbringen würde. Wir freuten uns sehr, ihn hier zu treffen. Da er bereits einige Tage in Kathmandu verbracht hatte, waren wir natürlich auch neugierig, welche Eindrücke er bereits gesammelt hatte.
So fuhren wir mit dem organisierten Taxi zu unserem Hotel, das sich direkt neben dem Boudhanath-Stupa befand. Als wir aus dem Taxi ausstiegen, liefen wir nur wenige Meter und plötzlich stand dieser unglaubliche Stupa vor uns. Ich blieb für einen Moment wie angewurzelt stehen, denn ich war zutiefst dankbar, einen so wundervollen buddhistischen Stupa mit eigenen Augen sehen zu dürfen.

Sofort stellte sich bei mir ein Gefühl von „Nachhausekommen“ ein und sowohl der Anblick als auch dieses Gefühl verankerten sich tief in mir.
Einige Praktizierende liefen bereits Koras und Repa Gyatso wies uns darauf hin, dass auch wir diesem Ort unsere Wertschätzung entgegenbringen sollten. Zudem sei es sehr gut, dass wir diesen neuen Platz zum ersten Mal gemeinsam mit ihm besuchten. So lief er voraus, drehte einige Mantrarollen an der Aussenwand des Stupas und wir folgten ihm und seiner Praxis.
Es war schön zu sehen, wie sich unsere Aufmerksamkeit verändert hatte. Normalerweise würde man mit schwerem Gepäck zunächst ins Hotel gehen und erst nach dem Ankommen den Stupa besuchen. Doch dies stand für uns ausser Frage. Wir waren genau wegen dieses Stupas hier, wegen unserer Praxis und unserer Weiterentwicklung. Deshalb wollten wir auch in Nepal unsere Zeit mit dieser Ausrichtung beginnen.
Später liessen wir den Abend auf der Dachterrasse ausklingen. Es war ein wunderschöner Ort, denn von dort aus konnten wir den Stupa direkt von oben sehen.

So wurde dieser Platz in den kommenden Wochen zu einem wichtigen Treffpunkt, an dem wir zusammenkamen und Repa Gyatso uns Teachings gab.
Mit diesen Eindrücken ging unser erster Tag in Kathmandu zu Ende und ich freute mich auf die Zeit, die vor uns lag. Die Stadt hatte für mich unglaublich viel Charme und Ausdruckskraft. Gleichzeitig freute ich mich auf all die Abenteuer, die hier noch auf uns warten würden.
