In den letzten beiden Tagen ging es sehr viel um das Thema Mitgefühl. Bereits in Indien hatten wir unsere Ausrichtung auf diese Qualität gefestigt, indem wir den ganzen Tag über Mantras von einem Aspekt rezitiert hatten.

Repa Gyatso ermöglichte es uns, ihm am Abend neu erworbene Malas oder auch ältere Malas zu geben, die noch keinen Segen trugen.

Es war ein Ritual, das nicht allzu häufig vorkam und bei dem Repa Gyatso die Mala – je nach Praxis des Schülers – mit einem spezifischen Mantra „auflädt“.

Wir waren sehr dankbar über diese Möglichkeit und freuten uns darauf.

Als wir uns am Abend auf der Dachterrasse versammelten, holten wir unsere Malas hervor und warteten darauf, dass Repa Gyatso sie segnete. Es war sehr spannend zu sehen, welche Mala sich jeder einzelne ausgesucht hatte. In Indien und Nepal gibt es gefühlt an jeder Ecke Malas zu kaufen, und bei der Auswahl begegnet man so unzähligen Ausführungen, die alle ihre eigene Energie und Individualität ausstrahlen.

Auch in diesem Zusammenhang gab uns Repa Gyatso einmal ein Teaching zum Thema „spiritueller Materialismus“.

Er meinte, dass sich der Weg eines buddhistischen Schülers unter anderem darin zeigt, die Anhaftung an äussere Objekte aufzulösen. Auch materielle Gier soll durch Praxis und Weisheit durchbrochen werden, wenn wir erkennen, wie die Beschaffenheit der Dinge wirklich ist. Nur ein zufriedener Geist bringt Zufriedenheit. Sobald ich meine Zufriedenheit jedoch an ein äusseres Objekt kopple, ist dieses Gefühl bedingt – und wird deshalb früher oder später verschwinden, sobald das Objekt wegfällt.

Um zu praktizieren, nutzen wir ein Objekt wie eben die Mala. Doch wenn wir anfangen würden, immer mehr Malas zu kaufen und uns eine richtige Sammlung anzulegen, würde sich lediglich etwas verschieben. Deshalb gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen dem bewussten Nutzen von Objekten für unseren Weg und dem bloßen Ausschmücken mit buddhistischen Dingen, bei dem ihre eigentliche Funktion in den Hintergrund rückt.

Das war ein wichtiges Teaching und zeigte uns einmal mehr, wie entscheidend das Verständnis der Dinge ist.

Als wir so nebeneinandersassen, segnete Repa Gyatso die einzelnen Malas. All die Erklärungen, die mir Repa Gyatso zur Mala, zur Praxis und zum Mantra gab, berührten mich sehr, und das grosse Thema Mitgefühl bekam für mich eine ganz neue Bedeutung.

Ich wusste, dass es ein Thema war, das ich während der ganzen Reise stärken sollte – und am nächsten Tag wurde meine Vorstellung von Mitgefühl und Mitleid komplett auf den Kopf gestellt.

Uns erwartete ein Ort, an dem es eigentlich unmöglich war, im Kopf zu bleiben.

An diesem Tag sollten wir mit dem Tod konfrontiert werden.

Dieser Eindruck wurde für mich zu einem der tiefgreifendsten Momente überhaupt, den ich bis heute bildlich und emotional in mir trage.

Da dies für mich ein so unglaublich kostbarer Moment war, möchte ich diesem Herzeintrag im nächsten Eintrag noch einen eigenen Raum geben.