Für den heutigen Tag war der Ausflug zum Namo Buddha geplant.

Namo Buddha zählt zu den wichtigsten buddhistischen Pilgerstätten in Nepal. Der auf 2.016 Metern Höhe im Kavre-Distrikt gelegene Ort ist nicht nur wegen seiner eindrucksvollen Lage bekannt, sondern vor allem wegen der bewegenden Legende, die ihn umgibt: Der Überlieferung nach begegnete Prinz Mahasattva, eine frühere Inkarnation des Buddha Shakyamuni, einer hungernden Tigerin mit ihren Jungen und opferte aus Mitgefühl sein eigenes Leben, damit sie überleben konnten – an dieser Stelle erinnert heute der Stupa an seine Tat.

Dies war der erste Ort, bei dem uns Repa Gyatso nicht begleitete. Er sagte, wir sollten als Gruppe diesen besonderen Ort besuchen, selbst Eindrücke und Erfahrungen sammeln und dann am Abend über die Erlebnisse sprechen.

Ich war etwas überrascht und in Sorge, warum wir diesen Ort ohne ihn besuchen sollten, und dachte mir, dass es ohne ihn nicht dasselbe sei. Nichtsdestotrotz behielt ich das Teaching des gestrigen Tages im Kopf, bei dem es darum ging, im Mitgefühl zu bleiben. Auch wenn uns Repa Gyatso nicht begleitete, wollte ich es mir zur Aufgabe machen, so stark wie möglich dieses Gefühl aufrechtzuerhalten.

Dabei erinnerte ich mich an eine schöne Gewohnheit, die wir während der Reise aufbauten. Repa Gyatso gab uns ein Objekt mit dem man es leichter hatte in Achtsamkeit und Mitgefühl zu gehen.

Diese Methode half mir sehr, denn meist dauerte es nicht lange, bis ich wieder voll im Fühlen angekommen war. So wollte ich für den heutigen Ausflug auch ohne dieses Objekt die Ausrichtung beibehalten.

Wir organisierten ein Auto, und so begann unsere Reise zum Namo Buddha.

Ich fand die Autofahrt sehr schön, denn wir hatten einerseits Zeit für unsere Mantras und andererseits war da dieses Gruppengefühl, das uns verband. Auch wenn Repa Gyatso nicht dabei war, wurde unsere Praxis mit derselben Disziplin und Motivation durchgeführt, als wäre er bei uns. Das fand ich sehr schön, denn darin konnte ich erkennen, dass wir nicht nur in seiner Gegenwart ein bestimmtes Auftreten wahrten, sondern dass es uns selbst wichtig war, jeden möglichen Augenblick mit unserer Praxis zu verbringen und unsere Sicht zu stärken.

Als wir aus dem Auto ausstiegen, erkannten wir nicht gleich, welchem Weg wir folgen mussten, um zum Namo Buddha zu gelangen. So schauten wir uns etwas um und begannen nach einem kurzen Verständigen mit einem Mitarbeiter eines kleinen Shops den Weg nach oben zu steigen. Bereits beim Aussteigen aus dem Auto hatten wir einen wunderschönen Ausblick über das nächstgelegene Tal. Da der Weg nach oben führte, freute ich mich auf die Weite, die wohl oben auf uns warten würde.

Auf dem Weg waren einige Stufen zu meistern, und am Rand des Weges waren Gebetsmühlen aufgestellt.

Ein kurzer Blick nach oben signalisierte mir, dass hier wohl ein Tempel kommen würde, und ich dachte, das sei schon der Platz, zu dem wir kommen wollten.

So wollten wir dem Platz unsere Wertschätzung entgegenbringen und liefen, wie uns Repa Gyatso es beigebracht hatte, nicht direkt in den Tempel hinein, sondern drehten alle Gebetsmühlen und umrundeten den Tempel einmal im Uhrzeigersinn.

Als wir dann am Eingangstor ankamen, hörten wir auf einmal Geräusche, Trommeln und tibetische Gesänge. Die Gruppe war sich unsicher, ob wir hineingehen sollten. Für mich stellte die Situation ein Geschenk dar – etwas vollkommen Unerwartetes. Doch wenn die Bedingungen gerade zu diesem Zeitpunkt zusammenkamen, an dem wir am Eingangstor standen, sollten wir diese Begrüßung doch annehmen. Dass genau zu diesem Zeitpunkt die Zeremonie begann, war natürlich wieder einer dieser unbegreiflichen Augenblicke, die einfach nur Erstaunen, Verblüffung und Faszination hinterließen.

So gingen wir in die Eingangshalle des Tempels, verbeugten uns und nahmen ganz am Rand Plätze ein, an denen auch noch andere Personen saßen. Wir wohnten dem Ritual etwas bei und beschlossen schließlich gemeinsam, den Tempel wieder zu verlassen.

So liefen wir den Weg weiter nach oben und am Ende der Stufen, auf der Spitze dieses Berges, kamen wir auf einen geräumigen, weitläufigen Platz, auf dem auch Tempelmauern zu erkennen waren.

Als ich den Platz betrat, hatte ich sofort ein Gefühl von Demut. Ich wusste nicht recht, wie ich mich verhalten sollte, verschränkte die Arme am Rücken und betrachtete die ganze Umgebung.

Am unteren Platz sahen wir einen kleinen Raum, in dem Butterlampen angezündet wurden. Auch an diesem Platz war ein Schild angebracht, das die Bedeutung dieses Ortes aus der Legende heraus beschrieb. Im Raum war eine gewisse Wärme durch die Butterlampen zu spüren, und auch in meinem Herzen entfaltete sich ein Gefühl von Verbundenheit. Ich empfand diesen Platz als sehr liebevoll und gleichzeitig durchdrang mich seine Energie. Zu einem späteren Zeitpunkt wollten wir wiederkommen und ebenfalls Butterlampen gemeinsam mit unseren Wünschen anzünden.

Dann gingen wir eine Ebene durch ein paar Stufen hinauf, und auf einmal standen wir an einem Platz, der mir vollkommen den Atem raubte. Ich blieb fassungslos stehen, denn dieser Platz war einfach nur surreal.

Mitten auf dem Platz stand ein weißer Stupa, und da wir auf der Spitze des Berges waren, sahen wir um uns herum einfach nur die Weiten Nepals: Gebirge, Bäume, Berge, Landschaften. Es war eine so weitläufige Sicht, dass gefühlt nichts begrenzt war, sondern einfach nur Weite gegeben war.

Mit Dankbarkeit und Erstaunen liefen wir unsere Koras.

Namo Buddha

Während der Kora senkte ich meinen Blick, denn ich wollte von dieser unfassbaren Aussicht nicht abgelenkt werden, sondern meinen Fokus auf meine Praxis setzen und gleichzeitig mehr in mein Gefühl eintauchen.

Kurz darauf kam ein Mönch, und so wie er von den anderen behandelt wurde und wirkte, dachte ich mir, dass er sicher ein Lehrer sei. Ich wollte ihnen den Platz am Stupa lassen, stand beiseite und bewunderte die Weite des Himmels.

In den nächsten Stunden liefen wir mal Koras, führten Gespräche, setzten uns an den Rand und schwiegen oder schrieben unsere Eindrücke in unsere Tagebücher auf.

Zuletzt machten wir noch ein Gruppenfoto und entschieden uns, dass wir langsam den Heimweg antreten.

Namo Buddha

Bei dem Raum mit den Butterlampen zündeten wir noch welche an und machten Wünsche. Auf der Reise hatten wir bereits mehrfach Butterlampen angezündet. Ich wollte nicht, dass es einfach eine Routine wird oder ich nur irgendeinen Wunsch in meinem Kopf wiedergebe. Stattdessen wollte ich jedes Mal aufs Neue ganz bei der Tat sein und das Bewusstsein gezielt darauf lenken. So überlegte ich etwas, welchen Wünschen ich hier Ausdruck verleihen wollte, und zündete dann ein paar Butterlampen an.

So verließen wir diesen besonderen Ort, und ich merkte, dass sich in unserer ganzen Gruppe ein Gefühl von Ruhe, Harmonie und Erdung legte.

Als wir wieder in Boudha waren, trafen wir Repa Gyatso und unterhielten uns gemeinsam über die vielen Eindrücke.

Zudem gab es Teachings, und das Thema der täglichen Praxis wurde näher erläutert. Er erklärte uns, wie wichtig und essenziell die tägliche Praxis ist und warum es wesentlich ist, diese tägliche Gewohnheit aufrechtzuerhalten.

Dabei sagte er einen Satz: „Praktiziert so, als wäre euer Kopf in Flammen!“

Dieses Bild veranschaulichte die Dringlichkeit der eigenen Disziplin.

An diesem Abend legte ich mich schlafen und war dankbar über die Erfahrung und darüber, wie sich unser Gruppengefühl durch den Ausflug gestärkt hatte.