Was ich in den nächsten Zeilen und Worten versuche auszudrücken, gehört wohl zu den schwierigsten Einträgen dieses Tagebuchs. Dieser Herzenseintrag erzählt von einer Erfahrung, die sich aus tiefer Verzweiflung in einen der inspirierendsten Momente meiner Reise verwandelte. 

Nicht das Erinnern fällt mir schwer, sondern die Suche nach Worten, die dem Erlebten wirklich gerecht werden.

Dieser Eintrag fasst drei Tage in Nepal zusammen, an denen ich dem Tod auf eine Weise begegnete, die mein Leben nachhaltig verändern sollte.

Hier ist die ganze Geschichte dazu:

Zur vereinbarten Zeit trafen wir uns mit Repa Gyatso in der Tempelanlage, um mit einem gemieteten Auto zu einem besonderen Ort zu fahren. Wir wussten weder, wohin die Fahrt gehen würde, noch was uns dort erwartete.

Als wir ankamen, liefen wir noch ein paar Minuten zu Fuß, bis wir schließlich einen Platz erreichten. Vor uns erhob sich eine hohe Mauer, die mit der Darstellung einer hinduistischen Gottheit verziert war. Schon beim ersten Anblick löste die Zeichnung großes Unbehagen in mir aus. Sie wirkte auf mich beinahe bedrohlich. Je länger ich sie betrachtete und die Energie dieses Ortes auf mich wirken ließ, desto mehr war ich davon überzeugt, dass hier eine schwierige Aufgabe auf uns wartete.

Matthias, der bereits einige Tage vor uns in Nepal angekommen war, hatte diesen Ort schon besucht. Mit einem verschmitzten Grinsen fragte er in die Runde, ob jemand wissen wolle, an welchem Platz wir uns befanden. Obwohl ich noch immer keine Ahnung hatte, was uns erwartete, verstärkte seine Art mein Gefühl von Ehrfurcht nur noch mehr.

Nachdem wir die Eintrittskarten gekauft hatten, fragte Repa Gyatso noch einmal in die Runde, ob jeder bereit sei, mitzukommen. Mein Bauchgefühl hätte am liebsten die Flucht ergriffen. Gleichzeitig wusste ich, dass genau dieser Moment wichtig war. Wenn ich bereits jetzt eine Grenze in mir wahrnahm, die ich am liebsten nicht überschreiten wollte, dann war es umso bedeutsamer, diesen Schritt zu gehen.

So folgten wir Repa Gyatso und er erklärte uns, an welchem Ort wir uns befanden. Es handelte sich um eine hinduistische Verbrennungsstätte (Pashupatinath), an der Verstorbene an verschiedenen Plätzen entlang des Flusses eingeäschert werden.

Er bereitete uns darauf vor, dass wir hier unmittelbar mit dem Tod konfrontiert werden würden. Dabei könnten die unterschiedlichsten Gefühle in uns aufkommen. Gleichzeitig erinnerte er uns daran, dass sich die Angehörigen in tiefer Trauer befinden und gerade einen geliebten Menschen verabschieden. Deshalb sollte es – unabhängig von unseren eigenen Emotionen – oberste Priorität sein, den Menschen mit größtem Respekt zu begegnen, keine Fotos zu machen und uns der Situation angemessen zu verhalten.

Außerdem erklärte er uns, dass viele buddhistische Praktizierende über Jahre hinweg an solchen Orten lebten oder sie täglich aufsuchten, um die Vergänglichkeit nicht nur zu verstehen, sondern unmittelbar zu erfahren. An diesem Platz ging es nicht allein um die Endlichkeit des Lebens, sondern darum, diese Wirklichkeit nicht auf Distanz zu halten, sondern ihr bewusst zu begegnen.

Als wir in Richtung der Verbrennungsstätten gingen, breitete sich in mir nach und nach ein Gefühl von Schwere aus. Ich wusste nicht, wie ich mit den Eindrücken umgehen sollte, die nun auf mich warteten. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie unvorbereitet ich selbst auf den Tod war. Und zugleich wurde mir klar, dass es wohl den meisten Menschen ähnlich geht. Das Thema Sterben wird verdrängt, weggeschoben oder so lange wie möglich vermieden. Erst wenn der Moment kommt, werden wir unausweichlich damit konfrontiert – ohne wirklich zu wissen, wie wir damit umgehen sollen.

Ich hatte Angst davor, welche Gefühle in mir aufkommen würden. Trotzdem wusste ich, dass ich an diesem Ort vielleicht ein ganz neues Verständnis vom Leben selbst gewinnen konnte.

Vor uns führte eine Brücke über einen Fluss, an dessen Geländer wir stehen blieben. Wir beobachteten einen Moment lang das Wasser und mir fiel sofort auf, wie pechschwarz der Fluss war. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir noch nicht erklären, warum das Wasser eine so dunkle Farbe hatte.

Wir gingen weiter und kamen zu einer Art steinerner Stufen, auf denen bereits einige Menschen saßen. Auch wir setzten uns nieder, sodass wir direkt auf den Fluss blicken konnten. Erst jetzt erkannte ich, dass sich auf der gegenüberliegenden Seite die einzelnen Verbrennungsstätten entlang des Ufers reihten.

Manche Feuer waren bereits erloschen. Nur einige Holzscheite glühten noch leise vor sich hin. Andere Plätze waren leer und an wieder anderen stieg dichter Rauch in den Himmel.

Bei diesem Anblick wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass dort auf der anderen Seite die sterblichen Überreste eines Menschen verbrannt wurden.

Ich bemerkte, wie mein Atem flacher wurde. Unbewusst versuchte ich, möglichst wenig von dem Geruch einzuatmen, der in der Luft lag.

Erst als ich meinen Atem beobachtete, erkannte ich, was eigentlich gerade in mir geschah. Ich schirmte mich innerlich von dem ab, was ich sah. Wie von selbst errichtete ich eine Mauer zwischen mir und diesem Ort und versuchte, so viel Distanz wie nur möglich zu wahren.

Wir saßen nebeneinander in einer Reihe und bekamen die Aufgabe, den gesamten Prozess aufmerksam wahrzunehmen.

Auf der anderen Seite des Flusses standen Angehörige der Verstorbenen. Dazwischen bewegten sich Männer in weißen Gewändern, die die bereits erloschenen Verbrennungsplätze von den zurückgebliebenen Überresten säuberten.

Dann beobachtete ich, wie einer der Männer einen Verbrennungsplatz mit einem Besen zusammenkehrte. Die Asche und die verkohlten Holzreste fielen hinunter in den Fluss. Für einen kurzen Augenblick glühten einzelne Stücke noch einmal auf, bevor sie im Wasser verschwanden. Da verstand ich, warum der Fluss so schwarz war.

Ich musste tief durchatmen und spürte, wie sich in mir alles noch weiter zusammenzog.

Nach einiger Zeit begann Repa Gyatso, nach und nach mit jedem Einzelnen von uns zu sprechen. Ich saß ziemlich weit außen und war eine der Letzten in der Reihe. Mit jedem Gespräch, das näher zu mir rückte, begann mein Herz schneller zu schlagen.

Ich wusste, dass ich Repa Gyatso nichts vormachen konnte.

Doch eigentlich wollte ich mir selbst etwas vormachen.

Mir war bewusst, worin die eigentliche Aufgabe bestand. Wir sollten uns vollkommen auf diese Erfahrung einlassen. Das konnte nur gelingen, wenn wir den Verstand für einen Moment beiseitelegten und all die Gefühle zuließen, die in uns aufkamen.

Aber genau das war das Letzte, was ich tun wollte.

Ich hatte das Gefühl, dass hinter meiner Mauer ein gewaltiger Staudamm stand. Sobald ich auch nur einen kleinen Spalt öffnen würde, würde alles mit voller Wucht über mich hereinbrechen. Und ich war überzeugt, dass ich damit nicht umgehen könnte.

Ich redete mir ein, dass ich meine Gefühle zuließ. Doch als Repa Gyatso schließlich vor mir stand, erkannte er sofort, dass dem nicht so war. Er fragte mich, wie es mir in dieser Situation gehe & ich antwortete, dass es schlimm sei, diesen Prozess zu beobachten und unmittelbar damit konfrontiert zu sein.

An seine genauen Worte kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Doch sinngemäß sagte er etwas, das sich tief in mein Herz eingebrannt hat:

Die Aufgabe ist es, ins Gefühl zu kommen. Die Gefühle zuzulassen und aus Mitgefühl bei den Angehörigen zu sein. Den Prozess des Sterbens zuzulassen, ohne davor davonzulaufen. Ich sehe nicht, dass du diesen Prozess zulässt. Du hast im Moment mehr Mitgefühl oder Mitleid mit dir selbst, weil du deine eigene Unfähigkeit traurig findest, anstatt wirklich mit diesen Menschen mitzufühlen. Alles, was ich euch über Mitgefühl beigebracht habe, wird genau jetzt auf die Probe gestellt. Stattdessen sitzt ihr hier wie Touristen, die den Prozess beobachten, anstatt sich davon berühren zu lassen. Wenn dich nicht einmal dieser Anblick berührt – was soll dir dann im Leben noch begegnen? Wenn du nicht einmal jetzt in dein Mitgefühl gehst, was kann ich dann noch tun? Von Mahayana zu sprechen und dann hier zu sitzen, ohne die eigene Hilflosigkeit zuzulassen, ist mehr eine Phrase als gelebte Praxis.

Danach ging er weiter.

Seine Worte trafen mich wie ein Stich ins Herz und tief in mir wusste ich natürlich, dass er recht hatte.

Ich war die ganze Zeit bei mir selbst gewesen. Dabei hätte ich bei den Menschen sein sollen, die gerade einen geliebten Menschen verabschiedeten.

Ich wünschte mir, ich könnte diesen Schritt gehen. Doch es war mir nicht möglich.

Wir saßen noch eine Weile dort, beobachteten, schwiegen und reflektierten. Meine errichtete Mauer fühlte sich so unerschütterlich an, dass ich sie zu diesem Zeitpunkt einfach nicht einreißen konnte.

Als wir den Platz schließlich verließen, bemerkte ich eine tiefe Enttäuschung in mir. Ich war enttäuscht, weil ich diese einmalige Möglichkeit nicht nutzen konnte und so sehr an meinem Sicherheitsnetz festhielt.

Und genau dieser Gedanke machte mich wieder traurig. Denn selbst jetzt kreisten meine Gedanken nur um mich. Ich erkannte, wie weit ich noch von dem eigentlichen Erleben entfernt war.

Anschließend wechselten wir auf die andere Seite des Flusses und besuchten zwei Höhlen, in denen große Meditationsmeister unserer Linie praktiziert hatten. Ich war dankbar, diese besonderen Orte besuchen zu dürfen. Doch über allem lag ein Schleier aus Enttäuschung und Niedergeschlagenheit.

Wir machten eine kurze Meditation in einer der Höhlen. Während der Praxis kam ich aus meinen Gedanken heraus und sie schenkte mir wieder ein Gefühl von Verbundenheit.

Doch nur kurze Zeit später kehrte das beklemmende Gefühl zurück und begleitete mich bis in den Abend hinein. Selbst als ich schließlich im Bett lag, ließ es mich nicht los.

Wenige Tage später bekamen Michelle, Simon und ich die Möglichkeit, noch einmal zu den Verbrennungsstätten zu gehen.

Ich war dankbar für diese zweite Gelegenheit, denn dieses Mal wollte ich mich wirklich darauf einlassen.

Schon beim Aussteigen aus dem Taxi kam es jedoch zu einem kleinen Unfall. Ein vorbeifahrender Mopedfahrer prallte gegen die geöffnete Tür unseres Taxis. Für einen kurzen Moment entstand Aufregung. Ich wollte mich jedoch nicht in einer langen Diskussion verlieren und vor allem nicht aus den Augen verlieren, weshalb wir eigentlich hier waren. Also versuchte ich, die Situation möglichst rasch zu klären, und wir machten uns erneut auf den Weg.

Wieder verbrachten wir mehrere Stunden an diesem Ort. Und obwohl ich dieses Mal mit aller Kraft versuchte, meine innere Blockade loszulassen, gelang es mir erneut nicht.

Ich sah den Schmerz der Menschen. Ich spürte, wie schwer mein Herz wurde. Trotzdem konnte ich nicht loslassen.

Die Angst vor dem, was sich hinter dieser Mauer befand, war einfach zu groß.

So ließ ich auch diese Möglichkeit ungenutzt verstreichen.

Schließlich musste ich mir eingestehen, dass ich es einfach nicht konnte. Mein Mitgefühl war bei Weitem nicht so groß, wie ich es mir wünschte.

Als wir wieder in unserer Unterkunft ankamen, sprachen wir noch kurz mit Repa Gyatso über unsere Erfahrungen. Mit dem schmerzhaften Eingeständnis meiner eigenen Unfähigkeit ging ich an diesem Abend schlafen.

Einen oder zwei Tage später kam Repa Gyatso auf Simon und mich zu. Er erklärte uns noch einmal, dass die größte Aufgabe dieser Reise darin bestand, wirklich in unser Gefühl zu kommen. Wenn uns dieser Prozess wirklich am Herzen liege, sollten wir noch ein drittes Mal zu den Verbrennungsstätten gehen. Zweimal hätten wir es nicht zugelassen, uns wirklich auf die Erfahrung einzulassen. Vielleicht würden wir heute zum letzten Mal die Möglichkeit bekommen, diesen Schritt zu gehen.

Als ich die Aufgabe hörte, war ich alles andere als erfreut darüber.

Ich konnte nicht verstehen, warum ich mich ein drittes Mal einer so schmerzhaften Erfahrung aussetzen sollte. Zudem verstand ich nicht, was dieses Mal anders sein sollte.

Ich wusste zwar, dass Repa Gyatso uns diese Aufgabe aus einem guten Grund gab und sie keinesfalls eine Bestrafung war.

Doch in diesem Moment konnte ich die Möglichkeit darin nicht erkennen. Vielmehr sträubte sich alles in mir dagegen, diesen Ort noch einmal betreten zu müssen.

Ich wusste aus den vergangenen Tagen, dass gerade dort, wo Widerstand oder starke Störgefühle auftauchten, oft die größte Entwicklung möglich war. Auch wenn ich den Sinn dahinter noch nicht erkennen konnte, nahm ich die Aufgabe an.

Wir fuhren also ein drittes Mal zu diesem Platz. Rückblickend war es vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich mich zuvor so gegen diese Aufgabe gewehrt hatte. Bereits während der Fahrt bemerkte ich, wie sich tief in mir immer mehr Emotionen aufbauten. Es fühlte sich an, als würde hinter meiner inneren Mauer immer mehr Druck entstehen. Ich wusste, dass nicht mehr viel fehlte, bis sie nachgeben würde. Dennoch hätte ich niemals damit gerechnet, welche Eindrücke und welche Tiefe an Gefühlen mich an diesem Tag erwarten würden.

Wir setzten uns wieder auf die Stufen und beobachteten schweigend die Menschen, den Fluss und die einzelnen Verbrennungsstätten. Kurz darauf näherte sich eine Trauergemeinschaft. Hinter den Angehörigen trugen vier Männer eine Bahre auf ihren Schultern. Darauf lag, in ein weißes Leinentuch gehüllt, ein Verstorbener. Langsam gingen sie zum Fluss hinunter, wo der Leichnam vor der Einäscherung ein letztes Mal gereinigt werden sollte.

Als sie die Bahre kurz vor dem Wasser absetzen wollten, geriet sie leicht in Schieflage. Plötzlich glitt ein Bein unter dem Tuch hervor und hing regungslos nach unten. Die Haut war bläulich verfärbt und wirkte eiskalt. Dieses Bild traf mich so unerwartet, dass ich sofort wegsehen musste.

Das Atmen fiel mir immer schwerer. Ich wusste, dass nun gleich der ganze Körper aufgedeckt werden würde. Im Hintergrund nahm ich das tiefe Schluchzen einer Angehörigen wahr, dass wenige Sekunden später zu einem durchdringenden Schrei wurde. Bis heute gibt es kein Geräusch, das sich tiefer in meinen Geist eingebrannt hat. Es war kein gewöhnliches Weinen, sondern der Ausdruck einer Hilflosigkeit, für die es keine Worte gab. Dieser Schrei durchbrach die Stille des Ortes und schien durch alles hindurchzugehen – durch den Raum, durch die Anwesenden, durch mich.

Ich wäre am liebsten aufgestanden und davongelaufen. Ich spürte, wie sich meine eigene Hilflosigkeit immer weiter ausbreitete und wusste nicht, wie viele Bilder ich noch würde ertragen können.

Dann begannen die Männer, das Tuch vom Leichnam zu lösen. Ich schloss meine Augen. Ich wollte nur noch weg von diesem Ort. Zugleich wusste ich aber auch, dass genau jetzt der Moment war, an dem ich nicht davonlaufen durfte. Genau jetzt bestand die Aufgabe darin, hindurchzugehen.

Als ich meine Augen wieder öffnete, lag vor mir ein kleiner Junge, vielleicht acht Jahre alt. Sein schmaler Körper wirkte zerbrechlich, beinahe verloren auf der kalten Unterlage. Die Haut war bläulich verfärbt, die Glieder lagen still, ohne jede Spannung, und in seinem Gesicht lag eine Ruhe, die auf schmerzliche Weise nicht zu seinem jungen Alter passte. Die Männer begannen ihn zu reinigen und in diesem Augenblick brach etwas in mir auf.

Ich begann unaufhaltsam zu weinen.

Mir wurde bewusst, dass das Leben dieses kleinen Jungen unwiderruflich vorbei war. Seine Stimme würde niemals wieder erklingen. Niemand würde jemals wieder mit ihm sprechen, mit ihm lachen oder mit ihm spielen. Seine Eltern würden niemals wieder in seine leuchtenden Augen blicken oder ihm einen Gute-Nacht-Kuss geben können. Alles, was diesen kleinen Jungen ausgemacht hatte, war nicht mehr da. Vor mir lag nur noch sein lebloser Körper.

Ich konnte diese Vergänglichkeit mit keinem Teil meines Wesens begreifen. 

Mein Verstand verstand zwar, was vor mir geschah, doch mein Herz konnte es nicht fassen. Alles in mir schrie. Jeder einzelne Gedanke war von Traurigkeit durchzogen. Obwohl ich diesen Jungen nie gekannt hatte, fühlte es sich an, als müsste auch ich mich gerade von ihm verabschieden.

Regungslos saß ich da und schluchzte. Ich erkannte, dass ich absolut nichts tun konnte, um diese Situation zu verändern. Der Junge war tot. Er lag vor mir und niemand auf dieser Welt konnte diesen Verlust rückgängig machen.

Diese Wahrheit zu akzeptieren, zerriss mich innerlich in unzählige Einzelstücke.

Mit jeder Träne, die ich weinte, breitete sich ein Gefühl völliger Hoffnungslosigkeit in mir aus. Es machte sich eine tiefe Leere in meinem Inneren breit, als würde sie nach und nach alles einnehmen.

Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich einen solchen Schmerz empfunden. Jede einzelne Sekunde fühlte sich wie Stunden an und mit jedem Augenblick zog mich dieses Gefühl tiefer in ein Loch, aus dem ich keinen Ausweg mehr sah.

Mir wurde alles zu viel.

Ich konnte keine weitere Sekunde hier sitzen und zusehen.

Mit letzter Kraft brachte ich die Worte heraus und sagte zu Simon, dass ich zu den Höhlen gehen würde. Ich brauchte Abstand.

Ich lief los. Jeder Schritt fühlte sich instabil an und meine Tränen verschleierten meine Sicht, sodass selbst das Gehen zu einem Ausdruck meiner Hilflosigkeit wurde.

Als ich die andere Seite des Flusses erreichte, wurde mir bewusst, dass ich an den Angehörigen und an dem kleinen Jungen vorbeigehen musste, um zu den Höhlen zu gelangen. In diesem Moment setzte meine normale Wahrnehmung aus. Es gab kein Rechts und kein Links mehr. Vor mir lag nur noch dieser eine Weg, den ich irgendwie gehen musste. Ich spürte, dass ich die Nähe zu dieser Situation niemals ertragen würde. Wahrscheinlich war genau deshalb das Ausblenden meiner Umgebung der einzige Weg, überhaupt daran vorbeigehen zu können.

Als ich bei den Höhlen ankam, waren die Gitter vor den Eingängen verschlossen. Ich wollte einfach nur an einen ruhigen Ort – einen Ort, der nichts mehr mit dem verband, was ich gerade erlebt hatte. 

Schon entschied ich mich wieder umzudrehen, als ein junger Mann auf mich zukam und fragte, ob ich in die Höhle gehen wolle. Er würde mir das Tor öffnen.

Ich nickte nur.

Er schloss das Gitter auf und ich trat langsam in die Höhle ein.

Ich kniete mich auf den Boden und schaffte es nicht einmal mehr, meine Hände vor der Brust zu falten. Ich weiß nicht, wie lange ich dort zusammengesunken saß und einfach nur diesen Schmerz fühlte.

Mir fiel ein, dass Repa Gyatso uns erzählt hatte, dass Wünsche an solchen besonderen Orten eine eigene Kraft haben können. Also fragte ich mich, was ich mir in diesem Moment überhaupt wünschen würde. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass es keinen einzigen Wunsch gab, der das Geschehene hätte verändern können.

Es gab nichts, was den kleinen Jungen zurückbringen würde.

Es gab nichts, was die Trauer seiner Eltern ungeschehen machen konnte.

Es gab nichts, was all die Bilder aus meinem Geist löschen konnte.

Mit dieser schmerzhaften Erkenntnis brach ich erneut in Tränen aus.

Ich hatte das Gefühl, dass ich niemals wieder Freude empfinden werde. Ich begriff nicht, wie diese Bilder jemals aufhören sollten zu bestehen oder wie nach dieser Erfahrung überhaupt wieder so etwas wie Normalität entstehen könnte.

In mir war nichts mehr, das mir Hoffnung gab. Selbst die Höhle, die ich als Zufluchtsort aufgesucht hatte, konnte mir keine Zuversicht bieten. Die Hilflosigkeit hatte meinen ganzen Körper und meinen ganzen Geist eingenommen. Es war, als hätte sich alles verdunkelt. In diesem Zustand konnte ich nicht den kleinsten Funken Hoffnung erkennen.

Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich dort nicht einfach sitzen bleiben konnte. Also versuchte ich, mich innerlich zu sammeln, stand langsam auf und machte mich wieder auf den Weg zu Simon.

Als ich bei ihm ankam, konnte ich kaum sprechen. Ich bat ihn nur, dass wir bitte gehen. Er stimmte sofort zu.

Während wir den Platz verließen, fragte er mich, ob er mir irgendwie helfen könne. Ich schüttelte nur den Kopf.

Es gab nichts, was irgendjemand hätte sagen können und die Situation einfacher gemacht hätte.

Ich wollte einfach nur zurück ins Hotel und irgendwie vergessen, was ich gesehen hatte.

Doch selbst während der Taxifahrt ließen mich die Bilder des kleinen Jungen nicht los. Immer wieder tauchten sie vor meinem inneren Auge auf und jedes Mal begann ich erneut zu weinen. Irgendwann versuchte ich innerlich, meine Gedanken zu stoppen. Ich konnte nicht mehr weinen, aber genauso wenig konnte ich aufhören.

Als wir wieder beim Boudhanath-Stupa ankamen, nahm ich mir vor, nur noch eine Kora zu laufen und anschließend direkt in mein Zimmer zu gehen.

Doch plötzlich begegneten wir zwei Mitreisenden unserer Pilgergruppe und sie fragten, ob wir gemeinsam mit ihnen essen gehen möchten.

Ich hatte überhaupt keinen Hunger. Eigentlich war mir nicht einmal danach, mit Menschen an einem Tisch zu sitzen. Alles in mir sehnte sich danach, allein zu sein.

Simon dachte jedoch, es wäre gut, etwas zu essen.

Ich war zu erschöpft, um ihm zu erklären, was gerade in mir vorging. Gleichzeitig dachte ich mir, dass ich ohnehin gerade vollkommen in meiner eigenen Geschichte feststeckte. Also beschloss ich, mitzukommen.

Während des Abendessens sagte ich kaum ein Wort. Ich hörte hauptsächlich den Gesprächen der anderen zu, weil ich hoffte, dadurch meine eigenen Gedanken für einen Moment ausblenden zu können.

Nachdem alle ihre Hauptspeise gegessen hatten, bestellte Simon einen Schokobrownie. Ich kann bis heute kaum beschreiben, wie fremd dies für mich war. Er bot mir ein Stück an, doch ich lehnte dankend ab.

Als er den Brownie mit der Gabel anschnitt und die warme Schokolade herausfloss, wurde ich direkt wieder in meine Welt hineingezogen. 

Der Geruch der geschmolzenen Schokolade erinnerte mich augenblicklich an den Geruch der Verbrennungsstätten.

Im selben Moment zog sich alles in mir zusammen. Mir wurde übel und ich war kurz davor, mich zu übergeben. Ich versuchte ruhig zu atmen und mich irgendwie zusammenzureißen.

Mir wurde bewusst, wie tief sich diese Erfahrung bereits in meinen Geist eingebrannt hatte. Selbst etwas so Vertrautes und Schönes wie der Geruch von geschmolzener Schokolade war für mich nicht mehr das, was er einmal gewesen war. Das Erlebte überschattete inzwischen sogar meine Sinneswahrnehmung. Es zog sich durch alles hindurch, ohne dass ich mich dagegen wehren konnte.

Wir verließen das Restaurant und ich war dankbar, dass dieser Tag endlich zu Ende ging und ich mich nun hinlegen konnte.

Als wir im Hotel ankamen, trafen wir jemanden aus der Pilgergruppe, der uns darauf hinwies, dass alle gemeinsam auf der Dachterrasse saßen.

Ich verspürte überhaupt keinen Wunsch, mich zu den anderen zu setzen. Auch Repa Gyatso war dort oben und ich merkte, dass ich keine Energie mehr hatte, mit ihm über das Erlebte zu sprechen. Ich hoffte einfach, dass wir nur kurz vorbeischauen würden und niemand das Thema dieses Tages ansprechen würde.

Als wir die Dachterrasse betraten, war am Ende des Tisches noch ein Platz frei. Repa Gyatso saß am anderen Ende. Ich war fast erleichtert, dass es bereits dunkel war. Zum einen konnte er meinen Gesichtsausdruck kaum erkennen und zum anderen musste ich ihm nicht direkt in die Augen schauen. Ich hatte das Gefühl, dass ein einziger Blick genügen würde und die Fassade, die ich den ganzen Abend mühsam aufrechterhalten hatte, in sich zusammenbrechen würde.

Nach einer Weile fragte Repa Gyatso Simon und mich, wie der heutige Tag für uns gewesen sei.

Simon begann von seinen Eindrücken zu erzählen und ich war dankbar, dass er zuerst das Wort ergriff. So gewann ich noch ein wenig Zeit, mich innerlich zu sammeln.

Dann wandte sich Repa Gyatso zu mir: „Und wie war es für dich?“

Ich schaffte es gerade noch, meine Tränen zurückzuhalten und brachte nur drei Worte heraus: „Es war schlimm.“

Er schaute mich an und bedauerte, dass es schwierig sei, mich richtig wahrzunehmen, weil er mein Gesicht durch die Dunkelheit kaum erkennen könne. Für mich war es eine Erleichterung, im Schutz der Dunkelheit verborgen zu bleiben.

Schließlich sagte er: „Es ist schon spät. Ich würde sagen, wir gehen schlafen. Morgen ist wieder alles gut.“

Dieser Satz reichte aus.

Ich konnte meine Tränen keine Sekunde länger zurückhalten.

Ich wusste, dass morgen nicht einfach wieder alles gut sein würde. Ich wusste, dass ich diese Bilder niemals wieder aus meinem Geist löschen konnte. 

Für mich fühlte es sich an, als hätte diese Erfahrung etwas unwiderruflich verändert.

Repa Gyatso stand auf, bat die anderen, schlafen zu gehen und setzte sich neben mich. Ich begann unaufhaltsam zu schluchzen und verbarg mein Gesicht hinter meinen Händen. Alles, was ich den restlichen Tag zurückgehalten hatte, brach nun aus mir heraus.

Da war nur noch Schmerz.

Mit letzter Kraft brachte ich einen einzigen Satz hervor: „Da sind so viele Bilder in meinem Kopf.“

Dann legte ich meinen Kopf an seine Brust.

Repa Gyatso begann ruhig mit mir zu sprechen: All die Bilder in deinem Kopf sind nur Bilder, sind nur Erinnerungen. Diese Erfahrung, als Chiara, zu halten und zu durchleben, ist viel zu schwer für dich. Du musst sie loslassen. Das Erlebte ist nicht mehr real hier, es sind nur Gedanken.

Während ich meinen Kopf an Repa Gyatso lehnte, nahm ich plötzlich etwas wahr, das ich nicht erklären kann. Im Bereich seines Herzens war eine Wärme zu spüren, die weit über das hinausging, was man normalerweise durch die Körperwärme eines Menschen wahrnimmt. Es fühlte sich wie eine Hitze an, die sich genau auf dieses Herzzentrum konzentrierte.

Ich kann bis heute nicht sagen, wie das möglich war. Für mich fühlte es sich an, als würde von dort eine unbeschreibliche Liebe und ein tiefes Mitgefühl ausgehen, das alles durchdrang.

Dann transformierte sich mein kompletter Geist.

Von einem Augenblick auf den nächsten waren all die Bilder, Gedanken und Gefühle, die mich bis eben noch vollkommen gefangen gehalten hatten, verschwunden. Es war, als hätte sich alles aufgelöst. Fast so, als wäre ich gerade aus einem Albtraum erwacht und hätte erkannt, dass er nie Wirklichkeit gewesen war.

Für kurze Zeit schien alles stillzustehen. Da war nur noch ein tiefes Gefühl von Freiheit, Schutz, Liebe und Geborgenheit.

Es war nicht so, dass seine Worte mich zum Nachdenken gebracht hätten und dadurch langsam ein innerer Prozess entstanden wäre. Nein, es war, als hätte er all die Eindrücke mit einem Mal aus meinem Geist gelöscht.

Ich hob meinen Kopf und schaute Repa Gyatso fassungslos an. Ich konnte nicht begreifen, was gerade geschehen war. Eben noch war ich in dem schlimmsten Geisteseindruck gefangen, den ich jemals erlebt hatte, und nun fühlte ich das genaue Gegenteil.

Ich fing an zu lachen und genau da fühlte ich aus meinem tiefsten Herzen, wer da wirklich bei mir saß.

Aus tiefster Dankbarkeit umarmte ich ihn und sagte einfach nur: „Danke.“

Er erkannte wohl, wie unfassbar surreal die ganze Situation für mich war.

Alles in mir war leicht, lebendig und grenzenlos. Als würden in diesem befreienden Geisteseindruck tausende Aha-Momente gleichzeitig passieren.

Zum Schluss nahm Repa Gyatso eine Kette von seinem Hals und gab sie mir. Er sagte, ich solle sie in dieser Nacht bei mir tragen.

Wir verabschiedeten uns und ich ging zurück auf mein Zimmer.

Lange lag ich noch wach im Bett und hielt die Kette dicht an mein Herz. Ich dachte an das, was in den vergangenen Stunden geschehen war, doch dieses Mal waren da keine belastenden Bilder mehr. Da war einfach nur eine tiefe Dankbarkeit.

Simon fragte mich leise, ob jetzt wieder alles gut sei. Ich schaute ihn an und antwortete: „Es ist mehr als gut.“

Ich hätte selbst nicht in Worte fassen können, was sich in mir verändert hatte. Noch wenige Stunden zuvor war ich überzeugt gewesen, dass ich diese Bilder mit dieser Schwere niemals wieder aus meinem Geist bekommen würde. Ich dachte, dass mich diese Erfahrung für immer belasten würde. Und nun war davon nichts mehr übrig.

An diesem Abend durfte ich etwas erleben, das ich bis dahin für unmöglich gehalten hätte. Ich konnte erfahren, wie Repa Gyatso innerhalb eines einzigen Augenblicks meine ganze Welt und meinen Geisteszustand transformierte. Ich konnte begreifen, welche Kraft dem Geist innewohnt. 

Wenn unsere Welt aus Geisteseindrücken besteht, wird deutlich, wie wichtig es ist, den Geist zu trainieren.

Und auf einmal wusste ich, warum im Vajrayana der Lehrer seine Schüler zur Befreiung führen kann.