Unsere Zeit hier in Indien neigte sich langsam dem Ende zu und Bodhgaya füllte sich immer mehr mit Sinnsuchenden und Praktizierenden, die gezielt zu dieser Zeit des Jahres anreisten, denn das Mönlam der Karma-Kagyu-Linie stand bevor.

Mönlam bedeutet wörtlich „Wunschgebet“. Es ist eine besondere Form des Gebets, bei der tiefe Wünsche für das Wohlergehen aller Lebewesen, für Frieden und für Erleuchtung rezitiert werden. Diese mehrtägige Praxis wurde von Thaye Dorje, Seiner Heiligkeit dem 17. Gyalwa Karmapa, geleitet.

Wir hofften, der Praxis zumindest für kurze Zeit beiwohnen zu können, denn unseren Abflug nach Delhi hatten wir bereits am ersten Tag des Mönlams für die Mittagszeit gebucht. Da wir nicht genau wussten, wie kompliziert es werden würde, rechtzeitig zum Fest und anschliessend wieder zu unserem Transfer zu gelangen, mussten wir unser Vorhaben gut planen.

Bereits einige Tage vor dem Mönlam hegten wir einen besonderen Plan.

Denn Repa Gyatso war schon seit vielen Monaten – und insgeheim sogar seit Jahren – mit der Planung unseres Retreatplatzes Mandalaland beschäftigt. Unsere Absicht war es nicht, Geld für dieses Projekt zu sammeln, denn wir wussten, dass auch die Lamas und Rinpoches selbst auf finanzielle Mittel angewiesen waren, um ihre eigenen Projekte umzusetzen oder auszubauen. Vielmehr wollten wir versuchen, beim Mönlam Broschüren über das Mandalaland an Karmapa und die anwesenden Mönche zu verteilen, damit dieses Projekt und dieser Wunsch den Segen unserer Linie tragen würden.

So stellten wir vor Beginn des Mönlams kleine Pakete zusammen, die Broschüren, Informationen und weitere Unterlagen enthielten.

Da diese mehrtägige Praxis einen enormen Andrang erfuhr, war es alles andere als sicher, ob sich überhaupt eine Möglichkeit zur Übergabe ergeben würde. Und selbst wenn sich diese Chance bieten sollte, musste jemand ausgewählt werden, der Repa Gyatso dabei unterstützte.

Es war eine aussergewöhnliche Möglichkeit, denn Karmapa nicht nur in Wirklichkeit zu sehen, sondern ihm im Namen des Projekts etwas zu überreichen und diese Aufgabe übernehmen zu dürfen, war für jeden von uns eine kostbare und zugleich verantwortungsvolle Aufgabe.

Repa Gyatso meinte, dass nicht er selbst diese Entscheidung treffen wolle, sondern dass wir als Gruppe gemeinsam zu einer Wahl kommen sollten. So konnte jeder seine Sichtweise darlegen und erklären, welche Beweggründe hinter seiner Entscheidung standen. Ich empfand diese Art, zu einer Entscheidung zu gelangen, als sehr schön und gleichzeitig interessant, weil sichtbar wurde, was jeden Einzelnen innerlich bewegte. Am Ende fiel die Entscheidung auf Simon.

Ich erinnere mich noch gut daran, mit welcher Selbstsicherheit Repa Gyatso dieses Vorhaben plante. Zwar erwähnte er immer wieder, dass die Wahrscheinlichkeit äusserst gering sei, tatsächlich zu Karmapa und zu den Mönchen in der ersten Reihe zu gelangen, doch gleichzeitig nahm ich wahr, dass diese Möglichkeit in seinem Geist mit einer klaren Ausrichtung und tiefen Überzeugung getragen wurde.

Einen Tag vor unserer Abreise beobachteten wir, wie das Gelände des Mahabodhi-Tempels für das Mönlam vorbereitet wurde. Überall wurde mit Blumen dekoriert, Girlanden aufgehängt, der Thron für Karmapa aufgebaut und Tormas in Reihen platziert.
(Tormas sind rituelle Opferkuchen, die im tibetischen Buddhismus – insbesondere im Vajrayana – eine zentrale Rolle spielen und als symbolische Gaben dienen.)

Durch all diese Details und die spürbare Hingabe der Helfenden entstand rund um den Stupa eine wundervolle Atmosphäre. Man konnte förmlich fühlen, wie viel Wertschätzung und Dankbarkeit in den Vorbereitungen lagen.

Allein die Vorstellung, auch nur eine Stunde beim Mönlam anwesend sein zu dürfen, erfüllte mich mit grosser Freude. 

Mit dieser Vorfreude schlief ich am Abend ein.

Als wir uns am nächsten Morgen auf den Weg zum Mahabodhi-Tempel machten, bemerkten wir sofort, wie überfüllt das gesamte Gelände bereits war. Schon auf den Strassen tummelten sich Praktizierende und Mönche, die sich in Richtung Stupa bewegten.

Repa Gyatso appellierte nochmals an unsere Wertschätzung und bat uns, die letzten zwei Wochen Revue passieren zu lassen. Wenn jeder Tag so voll gewesen wäre wie dieser, wie schwierig wäre es dann gewesen, hier überhaupt zu praktizieren? 

Wir hätten kaum die Möglichkeit gehabt, ungestört die Höhlenanlagen zu besuchen oder täglich die Buddha-Statue im Inneren des Stupas aufzusuchen. Die Ruhe, die wir in den vergangenen Tagen erfahren durften, sollten wir deshalb nicht als selbstverständlich betrachten, sondern gerade durch diese neue Situation echte Wertschätzung für die vorhandenen Bedingungen entwickeln.

Vor dem Gelände wartete eine scheinbar endlose Schlange darauf, durch die Sicherheitskontrolle zu gelangen. Als wir die Menschenmassen sahen, wussten wir eigentlich sofort, dass wir es unmöglich rechtzeitig schaffen würden, hineinzugelangen, dem Mönlam beizuwohnen und anschliessend noch rechtzeitig das Taxi zum Flughafen zu erreichen.

Eine besondere Qualität von Repa Gyatso ist es jedoch, dass er den Umständen trotzt.

„Wenn jemand sagt, etwas sei unmöglich, dann zeige ich ihm, dass es trotzdem funktioniert.“

Und genau das geschah auch in dieser Situation. Repa Gyatso fand Möglichkeiten und Wege, wie wir trotz allem an der gesamten Schlange vorbeikamen – und siehe da: Nach kürzester Zeit standen wir beinahe wie durch ein Wunder bereits im Inneren der Anlage.

Wir begaben uns in Richtung des Erleuchtungsbaumes, denn genau dort fand das Mönlam statt. Unzählige Menschen sassen bereits an diesem Ort und obwohl die Praxis offiziell noch gar nicht begonnen hatte, war bereits jetzt eine besondere Kraft spürbar. „Zufälligerweise“ trafen wir dort auch eine Bekannte von Repa Gyatso, mit der wir uns austauschten. Sie war sichtlich gerührt, Repa Gyatso hier anzutreffen. Zudem erhielten wir das Gebetsbuch, in dem sämtliche Wunschgebete niedergeschrieben waren, die während des Mönlams rezitiert wurden.

Noch bevor die Zeremonie begann, sprach Repa Gyatso mit einigen der anwesenden Mönche. Und plötzlich sah ich, wie er nach vorne geleitet wurde und auf den vorbereiteten Plätzen von Karmapa sowie den Mönchen der Karma-Kagyu-Linie die Broschüren zum Mandalaland und die Geschenke verteilte.

Ich war nicht nur überrascht – ich stand vollkommen fassungslos da. Er hatte es tatsächlich geschafft. In mir war so viel Freude und Bewunderung, dass jeder Versuch meines Verstandes, dafür eine Erklärung zu finden, plötzlich unwichtig wurde. 

Stattdessen war da einfach nur diese tiefe Überzeugung, dieses Vertrauen und diese Sicherheit, dass Repa Gyatso mit seinem unendlich grossen Geist überall Möglichkeiten finden kann.

Repa Gyatso macht das Unmögliche möglich.

Durch Trompeten und Trommeln wurde schliesslich signalisiert, dass das Mönlam nun begann und Karmapa gemeinsam mit den versammelten Mönchen der Karma-Kagyu-Linie gleich eintreffen würde. Der gesamte Aufbau und die Atmosphäre berührten mich sehr. Durch die Melodien wurde meine Aufmerksamkeit geschärft, meine anfängliche Überwältigung legte sich langsam und ich konnte mich bewusster auf diese Erfahrung einlassen.

Nachdem Karmapa seinen Platz auf dem Thron eingenommen hatte und auch die Attendanten ihre Plätze bezogen hatten, wurde durch die Rezitation zunächst die Intention für die kommenden Tage gesetzt. Es wurde deutlich gemacht, weshalb diese Praxis ausgeführt wurde und welche innere Haltung dabei wesentlich ist. 

Immer wieder wurde betont, dass diese Praxis zum Wohle aller Wesen gehalten wird und dass genau mit dieser Intention auch die Wunschgebete der nächsten Tage rezitiert werden sollten.

Obwohl wir insgesamt nur ungefähr eine Stunde anwesend sein konnten, reichte diese kurze Zeit vollkommen aus, um einen ersten Eindruck von der Tiefe dieser Praxis zu erhalten. Es erfüllte mich zutiefst, so viele Teilnehmer und Praktizierende zu sehen, die gemeinsam diesen Wünschen Ausdruck verleihen wollten und dafür die Reise aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt auf sich genommen hatten.

In Österreich begegnet man buddhistischen Praktizierenden vergleichsweise selten – meist nur an bestimmten Orten wie Tempeln oder Zentren. 

Und dass hier, an diesem besonderen Ort, Menschen aus aller Welt zusammenkamen und eine so tiefe Wertschätzung für die Praxis und den Dharma spürbar wurde, fühlt sich für mich bis heute wie ein grosses Geschenk an.