Bereits in der ersten Nacht fiel uns auf, dass das Hundegebell beim Nyingma-Tempel sehr laut und kraftvoll war und lange anhielt. Mitten in der Nacht begannen sie in einem Rudel in Richtung unserer Tempelanlage zu rennen und zu bellen. Wir hatten sogar den Eindruck, dass die Hunde gezielt das Gebäude anbellten, in dem sich unsere Zimmer befanden. Es war kein natürliches Bellen, sondern es klang schrill, wehmütig, exzessiv und laut. Sie rannten in regelmäßigen Abständen her, bellten einige Minuten durch und dann hörten sie abrupt auf und rannten wieder weg.

Da ich einen sehr leichten Schlaf habe, fiel es mir unglaublich schwer in der Nacht wieder einzuschlafen. Da ich bereits eine Stunde wach im Bett lag und merkte, wie sich große Störgefühle gegen diese Geräusche entwickelten, entschied ich mich dazu, in den Innenhof zum Stupa zu gehen und Koras zu gehen.

Ich begann die Koras mit dem Mantra OM MANI PEME HUNG. Es war eine klare Nacht und eine angenehme Temperatur mit einem gelegentlichen Windstoss. Alles war ruhig und am Stupa verstummte das Hundegebell. Ich merke, wie ich selber mehr und mehr zur Ruhe kam und mich tiefer auf die Visualisation und das Rezitieren fokussieren konnte. Nach einigen Koras verspürte ich das tiefe Bedürfnis, das Mantra zu wechseln und das Mantra von Guru Rinpoche zu rezitieren.

Bereits einige Wochen vor Reiseantritt bemerkte ich, wie mich dieses Mantra immer häufiger durch den Alltag begleitete. Oft tauchte es ganz selbstverständlich in den ungewöhnlichsten Momenten auf, ohne dass ich darüber nachdenken musste. Auch begann ich, im Alltag dieses Mantra zu hören, anstelle der Musik, die ich sonst gewählt hätte.

Ich hatte bisher nichts über Guru Rinpoche recherchiert und wusste lediglich, wie er in etwa aussah und dass er den Buddhismus nach Tibet brachte. Ich wusste also nicht, welche Qualität er verkörpert oder Details über seine Lebensgeschichte. Vielleicht lag es auch genau daran, dass ich so wenig Bezug und kaum eine konzeptuelle Vorstellung von dieser Ausstrahlung hatte und sich mein Gefühl dadurch frei und ungehindert entfalten konnte. Das Einzige was ich erlebte, war dieses unglaubliche Gefühl, was ich in so einer Art und Weise bei keinem Mantra bisher hatte. Es war ein Gefühl von Zuhause, von Geborgenheit, Schutz, Wärme und Leichtigkeit. Es fühlte sich nicht anstrengend an, sondern einfach nur natürlich. Oft musste ich beim rezitieren schmunzeln, obwohl ich nicht wusste, warum.

Also entschied ich mich dazu, dieses Mantra zu rezitieren und ging weitere Runden im Uhrzeigersinn um den Stupa. Danach fühlte ich mich gestärkt und ging wieder zurück auf mein Zimmer.

In den darauffolgenden Nächten blieb das Hundegebell, bis es ab einer bestimmten Nacht plötzlich aufhörte. Repa Gyatso erzählte uns später, dass er mit den Hunden gearbeitet und sie bewusst in seine Meditation einbezogen hatte. Dabei ging es nicht darum, an diesem Ort eine Art Schutz vor ihnen aufzubauen, sondern vielmehr darum zu erkennen, dass alles, was die Hunde brauchten, Mitgefühl war. Als er uns das erklärte, empfand ich zunächst Schuldgefühle, weil ich zuvor selbst Störgefühle gegenüber den Hunden entwickelt hatte. Doch kurz darauf wurde mir etwas viel Wesentlicheres bewusst: Ich durfte eine Situation miterleben, in der sich die Klarheit und das Mitgefühl von Repa Gyatso ganz konkret in der Praxis zeigten. Auch wenn ich nicht direkt Teil der Meditation war, konnte ich spüren, mit welcher Feinheit und Tiefe er die unterschiedlichen Schichten und Nuancen bei allen möglichen Lebewesen wahrnimmt und wie er ihnen begegnet. Eine Art des Umgangs und der Wahrnehmung, die ich in dieser Form bei niemand anderem kenne.

Nach dem Frühstück gingen wir zum Erleuchtungsbaum und gesellten uns zu den Praktizierenden vor Ort. Repa Gyatso ging zu dem Platz, wo die Mönche und Laienpraktizierenden ihre Verbeugungen machen. Dies ist eine buddhistische Praxis, bei der wir uns vor unseren heilsamen Geistesqualitäten, die wir in uns tragen und die wir noch im Begriff sind zu entfalten, verbeugen.

Repa Gyatso erklärte die Praxis und führte sie vor, da einige aus der Gruppe in Bodhgaya erstmals mit dieser Art der Praxis begannen.

Es war ein unbeschreibliches Gefühl und überhaupt eine großartige Möglichkeit, hier die Verbeugungen zu machen. Auch in den nächsten Tagen fiel mir auf, wie viel schneller und tiefer ich an diesem Platz in die Praxis eintauchen konnte. Durch die vielen Praktizierenden um einen, die die selbe Übung unzählige Male wiederholten, entstand eine Art Rhythmus in den man ganz leicht eintauchen konnte.

Ich wusste, dass Repa Gyatso vor vielen Jahren an diesem Ort seine Verbeugungen praktizierte und 111.111 Verbeugungen am Erleuchtungsbaum darbrachte. Er zeigte uns auch den genauen Platz, den er sich damals für die Verbeugungen ausgesucht hatte. Ich war sehr dankbar dafür, dass Repa Gyatso uns damit ein Stück in seine Vergangenheit eintauchen ließ. Durch solche Erinnerungen, die er mit uns teilt, wird sein ganzer Weg greifbarer und lebendiger.

Er betonte auch immer wieder: „Da, wo ich stehe, könnt ihr auch hinkommen. Das Einzige, was mich von euch unterscheidet, ist, dass ich einfach mehr meditiert habe als ihr.“

Ich schätze diese Art von Repa Gyatso von ganzem Herzen. Egal, welche Zweifel auf dem Weg auftreten – ich weiß, dass er vollstes Vertrauen in uns hat. In vielen Momenten sieht er unsere Entwicklung, ohne dass wir wirklich mitkriegen, wie wir uns weiterentwickeln. Es ist eine wahre Kostbarkeit, einen Lehrer zu haben, dessen Anliegen es stetig ist, einen selbst weiterzubringen. An einem Ort zu sein, an dem er selbst eine der grundlegendsten Übungen praktiziert hat, und dort von ihm begleitet und unterwiesen zu werden, ist mit diesem Hintergrund eine Erinnerung, die mich auch weiterhin tragen und unterstützen wird.