Die Gegebenheiten des gestrigen Tages – insbesondere wie Repa Gyatso bereit war, Karma auf sich zu nehmen – hinterließen Eindrücke, die sich nicht so schnell verlieren werden. Es war nicht nur das, was geschah, sondern die Haltung dahinter, die sich tief einprägte.

Man liest von solchen Momenten in alten Lebensgeschichten von Schülern und ihren Meistern – von Wundern, die alles verändern. Und plötzlich steht man selbst mitten darin. Solche Augenblicke machen die alten Geschichten lebendig – weil man erkennt, dass sie mit den richtigen Bedingungen erscheinen.

An diesem Morgen war das Frühstück ohne Repa Gyatso angesetzt, damit er sich weiter erholen und regenerieren konnte. In unserer Reisegruppe entstanden ehrliche und spannende Gespräche. Wir reflektierten den vergangenen Tag, sprachen darüber, was einen authentischen Lehrer ausmacht, wo der schmale Grat zwischen blindem Vertrauen, Naivität und innerer Gewissheit verläuft, wie es um unsere eigene Disziplin in der Praxis steht und welche Hindernisse wir ohne Lehrer niemals als solche erkennen würden.

Es war besonders interessant, diese Gespräche mitzuerleben, da uns für ein paar Tage ein weiterer Praktizierender aus Deutschland begleitete, den wir erst kurz zuvor kennengelernt hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich weniger Gespräche mit Buddhisten geführt, die keine Schüler von Repa Gyatso waren. So trafen in dieser Runde unterschiedliche Ansichten und Prägungen aufeinander.

Mir fiel auf, wie unterschiedlich allein das Wort „Buddhist“ interpretiert werden kann und welche Konzepte und Erwartungen damit verknüpft sind. Das Gespräch bot mir die Möglichkeit, mich selbst zu hinterfragen: Wie gefestigt bin ich in meinen Überzeugungen? Welche Erfahrungen durfte ich bereits sammeln? Welche Sichtweise vertrete ich und wie kommuniziere ich, wenn offensichtliche Differenzen entstehen?

Ein besonders aufschlussreicher Punkt war für mich das Thema der Lehrer- Schüler-Verbindung. Wie sollten Lehrer und Schüler zueinander stehen? Welche Vorstellung von einem Lehrer vertritt jemand, der dem Hinayana-Weg folgt und welche jemand auf dem Mahayana-Weg? Welche grundlegenden Unterschiede bestehen zwischen einem Lehrer, der tausende Schüler unterrichtet, und jemandem, der sich nur vereinzelt Schüler auswählt und sie sehr individuell begleitet?

Für jemanden, der nicht dem buddhistischen Weg folgt, ist es vielleicht nicht so leicht nachzuvollziehen, welche Tragweite die Wahl eines Lehrers haben kann.

Ich kann nicht exakt erklären, welche inneren Beweggründe diese Entscheidung formen.

Manche fühlen sich von Charisma angezogen. Andere suchen in erster Linie nach Wissen. Wieder andere schätzen das Ambiente und die Gemeinschaft einer großen Meditationsgruppe. Manche haben klare weltanschauliche Vorstellungen, die ein Lehrer zu verkörpern hat. Die einen suchen Bestätigung, die anderen Herausforderung.

Manche empfinden einen Mönch in Robe als zu traditionell, andere sehnen sich gerade nach dieser verkörperten Disziplin. Einige suchen vor allem Gemeinschaft, andere wünschen sich direkte, klare Anleitungen ohne viel Ausschmückung. Die einen streben nach dem schnellstmöglichen Weg, für andere darf es ruhig sanfter und langsamer sein. Doch die Grundlage einer solchen Entscheidung liegt in unserem Gefühl.

Die Egos sind so vielfältig – und deshalb gibt es auch verschiedene Wege im Buddhismus, verschiedene Lehrer, verschiedene Praktiken. Unterschiedliche Potenziale, unterschiedliche Karmas, unterschiedliche Zugänge.

Ein zentrales Teaching, das uns durch die gesamte Reise begleitete, war ein einziges Wort: kontextabhängig.

Nicht alles gilt überall gleich.
 Das eine schließt das andere nicht automatisch aus. Was in einem Kontext heilsam ist, kann in einem anderen unpassend sein.

Auch im Gespräch darüber, wie ein Lehrer sein sollte – warum er unsere Konzepte sprengen soll und wie unterschiedlich er dies tun kann – wurde mir erneut bewusst: Bevor wir über irgendein Thema sprechen können, sei es buddhistisch oder ganz allgemein, braucht es einen gemeinsamen Nenner.

Einen geteilten Bezugspunkt, ein ähnliches Verständnis von Begriffen, eine gewisse Übereinkunft darüber, worauf wir uns beziehen. Ohne diesen gemeinsamen Boden verliert ein Gespräch schnell seine Tiefe und verläuft ins Leere.

Gerade durch diese Bewusstwerdung konnte ich die unterschiedlichen Ansichten als Bereicherung wahrnehmen und Mitgefühl und Weisheit in Anwendung üben. Und vielleicht war genau das der eigentliche Wert dieses Morgens.

Nach einiger Zeit gesellte sich Repa Gyatso wieder zu uns. Er wirkte beinahe vollständig erholt. Ich blickte ihn mit großen Augen an – erstaunt darüber, dass keinerlei offensichtliche Anzeichen der Lebensmittelvergiftung mehr zu erkennen waren, obwohl es ihm am Tag zuvor noch so schlecht gegangen war.

In mir breitete sich spürbare Erleichterung aus. Es tat einfach gut, ihn wieder so zu sehen und ich freute mich, dass es ihm besser ging.

Er stellte uns unvermittelt eine Frage:

„Wer von euch glaubt, noch im Gefühl zu sein und heute Morgen nicht herausgefallen zu sein?“

Er fügte hinzu: „Diejenigen, die diese Frage mit Ja beantworten, können mich gleich bei der Tempelanlage treffen. Die anderen gehen zum Erleuchtungsbaum und praktizieren.“

Damit wandte er sich von uns ab und ging zur Tempelanlage. Zurück blieb eine nachdenkliche Gruppe. Wir begannen zu grübeln: Wie war das genau gemeint? Was wäre die „richtige“ Antwort? Und was war das für ein Test?

Einigen war sofort klar, dass sie es nicht den ganzen Morgen geschafft hatten, im Gefühl zu bleiben. Andere empfanden es ähnlich und doch fühlte es sich für sie nicht richtig an, nicht zu Repa Gyatso zu gehen.

Es war einer dieser Momente, in denen es keine offensichtliche richtige Antwort gab. Jeder musste für sich selbst entscheiden. Vielleicht würde eine Entscheidung mit einer Lektion oder einer Zurechtweisung enden. Doch da nur Logik oder Gefühl als Orientierung dienen konnten, wusste letztlich niemand, wie es ausgehen würde.

Zwei aus unserer Gruppe entschieden sich für die Praxis am Bodhi-Baum, der Rest ging zur Tempelanlage. Ich erinnere mich noch gut an das Unruhegefühl in mir. Auch ich war nicht überzeugt, durchgehend im Gefühl geblieben zu sein. Und dennoch entschied ich mich, zu ihm zu gehen.

Als wir ankamen, betrachtete Repa Gyatso aufmerksam, wer erschienen war und wer nicht. Ebenso interessierten ihn unsere Beweggründe. In dem folgenden Gespräch ging es um die verschiedenen Denkweisen und Grundlagen, aus denen heraus wir unsere Entscheidungen treffen.

Hätten wir rein logisch entschieden, hätte niemand dort stehen dürfen – denn keiner von uns ist den ganzen Morgen im Gefühl geblieben. Doch wenn es um die Möglichkeit geht, den eigenen Lehrer zu sehen – selbst nur für einen kurzen Moment – und vielleicht Teachings zu erhalten, dann wiegt diese Möglichkeit schwerer als jede gedankliche Analyse.

Was könnte im schlimmsten Fall geschehen? Man erhält eine Lektion und lernt.


Doch wenn man nicht erscheint, verschließt man sich der Möglichkeit vollständig.

Am Ende dieses Gesprächs erhielten wir eine Belehrung zu den Verbeugungen, die als einmalige Vajrayana-Übertragung galt. In diesem Moment wurde mir noch deutlicher bewusst, wie kraftvoll bestimmte Ursachen wirken und dass ohne den entsprechenden Samen auch keine Frucht entstehen kann.

Darüber hinaus veranschaulichte Repa Gyatso das Ego und die Buddhanatur anhand eines einfachen Bildes: einer Tasse.


Die Tasse selbst steht für das Ego. Innerhalb und außerhalb der Tasse ist die Buddhanatur. Die Tasse scheint eine klare Trennung zu erzeugen, eine Begrenzung. Und doch trennt sie in Wahrheit nichts.

Das Ziel sei es, zu erkennen, dass es diese Tasse letztlich gar nicht gibt.

Nach Beendigung des Teachings sollten auch wir den Tag nutzen, um zu praktizieren. Später würden wir eventuell Repa Gyatso im Café treffen.

Am späteren Nachmittag saßen wir gemeinsam im Café und kurze Zeit später kam auch Repa Gyatso hinzu. Wir sprachen über die Erkenntnisse des Tages, über Gefühle und auch die Gewohnheitsmuster und warum unsere Gedanken so zäh sind.

Porridge-Master servierte uns die Speisen und Getränke und er vergaß dabei mein Wasser. Obwohl Repa Gyatso am Reden war, konnte ich mich nicht gedulden und unterbrach ihn, um den Betreiber des Cafés auf mein Wasser hinzuweisen. Repa Gyatso`s Blick verriet mir sofort, dass dies keine respektvolle Haltung oder Handlung war. In dem Moment erkannte ich, wie festgefahren die eigenen Reaktionsmuster sein können. Eigentlich habe ich nicht eine all zu grosse Anhaftung an Essen und probiere stets den Respekt gegenüber Repa Gyatso zu wahren. Doch wie dieser Moment zeigte, können die eigenen Tendenzen zu jederzeit hochkommen. Ein anschauliches Beispiel, dass die eigene Weisheit stetig weiter entwickelt werden soll, weil andernfalls das Ego siegt.

Kurz darauf verließ Repa Gyatso das Café und betonte, dass er eine Puja machen wolle, um das aufgenommene Karma vollständig zu bereinigen und seinen Körper zu stärken. Hierbei solle es sich um eine Langelebens-Puja handeln.

Da wir ja genau heute das Teaching erhielten, bei dem es um das Nutzen der Möglichkeiten mit dem Lehrer ging, vertrat ich die Auffassung, dies auch zu tun.

Mir war bewusst, dass es zu lange dauern würde die anderen zu überzeugen oder ihnen zu erklären, dass dies wohl wieder solch ein Moment sei. Zudem waren sie weder mit dem Essen fertig, noch hatte jemand bereits gezahlt. Daher entschied ich mich gegen ein großes hin und her und machte mich alleine auf den Weg zur Tempelanlage.

Ich saß mich vor Repa Gyatso`s Zimmertür und hörte ihm gespannt zu, wie er die Mantras mit einem Gesang rezitierte. Es waren verschiedene Passagen oder auch Mantras und das meiste kannte ich nicht. Dann rezitierte er das Langelebens-Mantra, welches ich von Retreats mit ihm wiedererkannte. Zwar konnte ich keinen Teil davon auswendig rezitieren, doch trotzdem probierte ich einfach einzutauchen, ohne mir viel dabei vorzustellen. Schnell merkte ich, wie ich ruhiger wurde und mich ganz auf das Mantra konzentrieren konnte. Kurze Zeit später kamen auch die anderen aus der Gruppe und saßen sich ebenfalls zu mir.

An den Tagen danach dachte ich nicht mehr an das Mantra und alleine durch das Hören an dem Abend konnte ich es ja ohnehin nicht auswendig. Doch viele Tage später (in Nepal) ereignete sich eine interessante Gegebenheit.

Wir entschieden uns spontan für den Flug nach Lumbini (ein weiterer Pilgerort) und als wir im Flugzeug saßen, war da einfach dieses Mantra in meinem Kopf. Es floss wie von selbst und obwohl es ein langes Mantra mit vielen Zeilen ist, war jedes einzelne Wort da, ohne, dass ich darüber nachdenken musste. Ich grinste etwas vor mich hin und war überrascht darüber, dass es einfach vollständig da war. Auch hier sieht man wieder einmal, wie Ursachen, Bedingungen und Wirkungen ineinander fließen.