Ein Ausflug, den Repa Gyatso unbedingt mit uns machen wollte, sind die besonderen Orte Nalanda und Rajgir.

Nalanda war ein Ort der stillen Hingabe an Wissen und geistiger Entwicklung. Über viele Jahrhunderte kamen Menschen hier zusammen, um zu lernen, zu meditieren und sich gemeinsam dem Verständnis von Geist und Leben zu widmen. Die Atmosphäre von Nalanda lädt bis heute dazu ein, Weisheit als etwas Lebendiges zu erfahren.

Rajgir strahlt eine besondere Ruhe aus. Eingebettet in sanfte Hügel wirkte Buddha hier und teilte wesentliche Einsichten des buddhistischen Weges. Am Geierberg wurde das Herzsutra gelehrt – eine der zentralen Lehren über Leerheit und Weisheit.

Wir fuhren mit dem gemieteten Van zu unserem ersten Halt: Rajgir. Im Auto konnte ich ein Teil eines Teachings mitverfolgen, das zwar für ein Paar aus der Gruppe gedacht war, doch was mir im Gedächtnis blieb. Ich erinnere mich nicht mehr an die genauen Worte, und einige Punkte, die für das Paar besonders wichtig waren, sind mir entfallen. Dieses Tagebuch erzählt also vor allem von meiner eigenen Wahrnehmung. Es soll nicht die Worte genau wiedergeben, sondern vielleicht durch meine Sicht eine Brücke schaffen – eine Möglichkeit für die Leser, in die Eindrücke, Gefühle und Gedanken einzutauchen, die ich auf dieser Pilgerreise erlebt habe.

Repa Gyatso erklärte uns das Teaching: „Ihr als Paar seid zu zweit eine Einheit. Auf dieser Reise erlebt ihr vieles miteinander, sorgt füreinander, achtet aufeinander und wendet die Lehren auf euch an. Das ist wunderschön zu sehen. Man könnte sagen, ihr lebt in eurer eigenen gemeinsamen Welt – doch so bleibt die Welt auf euch beide beschränkt.
 Jetzt aber habt ihr die Möglichkeit, diese Blase zu erweitern und die Verbindung auf die ganze Gruppe auszudehnen. Nicht nur den Partner zu fragen, ob ihm zu kalt ist und die Klimaanlage auszuschalten, sondern auch die anderen zu berücksichtigen. So könnt ihr Mitgefühl und Kraft noch weiter entwickeln, euren Geist weiten und das Sicherheitsnetz, das bisher nur euch beide umspannt, auf die ganze Gruppe ausdehnen.“

Wir fuhren weiter und ich reflektierte das Teaching und auch, wie Repa Gyatso genau die richtigen Momente und Worte für bestimmte Personen findet.

Bei unserer Ankunft in Rajgir stärkten wir uns zunächst körperlich, bevor wir den Aufstieg auf den kleinen Berg antraten. Ich hatte bereits viele Eindrücke in Indien gesammelt, viel probiert, viel Einfachheit in Restaurants erlebt, doch dieses Restaurant brachte erstmals das Gefühl hoch, besser nichts zu essen. Es war weniger ein Raum als vier Blechwände auf Kieselsteinen, Metalltische und -stühle, eine kleine Ecke für die Küche. Ich wusste, dass Repa Gyatso uns hierhin führen würde und dass das Essen sicher war, doch ein Gefühl von Unwohlsein blieb, und ich aß nicht alles auf. Es war eine gute Erfahrung, denn sie zeigte mir, wie stark das Ego auf Ästhetik reagiert – selbst wenn das Essen gesund und lecker ist, kann es innerlich abgestempelt werden.

Bereits zu Beginn des Fußmarsches wies Repa Gyatso uns darauf hin, dass wir denselben Weg gingen, den Buddha und seine Schüler vor 2.500 Jahren genommen hatten. Er erinnerte uns, achtsam zu bleiben und uns nicht von äußeren Eindrücken ablenken zu lassen – seien es Bettler, körperlich beeinträchtigte Menschen, Affen oder Verkaufsstände am Wegesrand. Um den Weg wertzuschätzen und in der Achtsamkeit zu bleiben, rezitierten wir OM MANI PEME HUNG. Repa Gyatso verdeutlichte: Es geht nicht nur darum, oben anzukommen, sondern den Weg selbst bewusst zu gehen. Wenn wir uns hineinversetzen, dass uns auf diesem Weg nichts unterscheidet von damals, wir uns vorstellen, wie es damals gewesen sein musste, als es rundherum bewachsen war und der Buddha mit seinen Anhängern diesen Platz auswählte, um schlussendlich ein so tiefes, herzergreifendes Sutra zu unterrichten, dann können wir auch genau das erleben. Diese Orte tragen eine ganz besondere Magie in sich – doch man braucht einen Lehrer, der den Zugang öffnet. Ohne ihn bleibt der Weg nur ein netter Aufstieg für Touristen, und der buddhistische Ort wird einfach abgehakt, ohne dass man ihn je wirklich erfahren hat.

Wir liefen also mit Achtsamkeit Schritt für Schritt, Stufe für Stufe hinauf, bis wir schließlich eine Höhle im Berg bemerkten.

In dieser Höhle angekommen, erklärte Repa Gyatso, dass in einer Höhle Śāriputra meditierte und in der anderen Ananda. Die erste Höhle, die wir auf dem Weg fanden, ist die Höhle von Ananda. Sie gilt als Ort, an dem Ananda, der treue und persönliche Begleiter des Buddha, meditiert hat. Ananda spielte eine besondere Rolle in der frühen Überlieferung des Dharma. Als enger Begleiter Buddhas war er auf vielen seiner Wege an seiner Seite und hörte die Lehren mit offenem Herzen. Mit außergewöhnlicher Klarheit bewahrte er sie im Gedächtnis und trug später dazu bei, dass Buddhas Worte lebendig weitergegeben und schriftlich festgehalten werden konnten.

Diese Höhle strahlte für mich eine unglaubliche Kraft und Ruhe zugleich aus. Es war eine Ehre, an einem Platz zu sein, an dem ein so besonderer Geist meditierte, wohnte und lebte. Es war überhaupt nicht beklemmend, obwohl die Höhle nicht sonderlich groß war. Vielmehr fühlte es sich wohlig, beschützt und zufrieden an. Die Felsmauern zu berühren und die Kälte des Berges zu spüren, machten es mir leichter, den Ort hier noch intensiver wahrzunehmen.

Kurz danach kamen wir zur Höhle von Śāriputra – sie liegt etwas weiter oben am Pfad. Śāriputra gilt als einer der weisesten und angesehensten Schüler Buddhas. Seine besondere Gabe lag in einer tiefen, klaren Einsicht in die Lehren – präzise und von großer innerer Tiefe getragen. Er war unermüdlich neugierig, wagemutig in seinen Gedanken und bereit, die gewohnten Konzepte zu sprengen, um tiefe Wahrheiten zu erkennen.

Wir liefen weiter, und da der Berg steil war, bot ich Repa Gyatso an, seine Tasche zu tragen. Es war eine seltene Gelegenheit, ihm meine Hilfe anzubieten. Deshalb freute es mich umso mehr, etwas beitragen zu können. Oben angekommen erklärte er mir, dass ich gerade eine sehr besondere Aufgabe übernahm, nämlich dass sich in seiner Tasche das Herzsutra befand und ich somit das Wichtigste beschützte und den Berg hinauftrug.

Der Platz, oben auf der Spitze des Berges, war jener Platz, an dem der Buddha das Herzsutra lehrte. Es war ein Ort, an dem sich direkt Respekt und zugleich Demut zeigte. Eine niedrige symbolische Mauer markierte den Raum der Lehrrede. Wir umrundeten dreimal das Kernstück, und Repa Gyatso und die anderen setzten sich hinein. Der Mönch, der zuvor dort gesessen hatte, stand auf und ging aus der Abgrenzung hinaus. Es schien mir, als ob zu wenig Platz wäre, dass wir uns alle in den abgegrenzten Teil hineinsetzen könnten. Der anwesende Mönch wies mich jedoch mit einem Handzeichen darauf hin, dass ich mich dazusetzen solle. Repa Gyatso nahm das Herzsutra aus der Tasche und begann, das Herzsutra zu rezitieren. Das Sutra beginnt mit dem Satz: „Folgendes habe ich einmal gehört…“ – eine Einleitung, die auf Anandas Gedächtnis und die direkte mündliche Übertragungslinie hinweist. Ohne die Erklärung zum Sutra hätten wir diesem Satz keine Bedeutung zugeordnet, obwohl es für unser Erleben einen sehr großen Unterschied machte.

Da es sehr windig war und sich leichte Regentropfen bildeten, verstaute er das Sutra wieder in seiner Tasche. Repa Gyatso rezitierte das Mantra TEYATA OM GATE GATE PARA-GATE PARA-SAM-GATE BODHI SOHA. Ich spürte eine tragende Kraft und Wärme in meinem Herzzentrum und in meinem Bauch und fühlte mich unglaublich freudvoll. In diesem Moment klopfte er mir mit dem Sutra auf den Kopf und gab den Segen, der lebhaft und spürbar war.

Als wir den Platz verließen, übergab Repa Gyatso jedem von uns einen Khadak. Dies war der erste Khadak, den ich jemals von ihm erhielt. Ein Khadak (Segensschal) ist ein traditioneller buddhistischer Schal, der als Zeichen von Respekt, guten Wünschen und Verbundenheit überreicht wird. In diesem Moment empfand ich unglaublich viel Liebe, und in meiner Brust wurde es erneut heiß.

Wir hatten die Möglichkeit, den Segen direkt von Buddha zu erhalten. Denn das Herzsutra stammt aus der direkten, mündlichen Übertragungslinie. Der Buddha hat dies vor 2.500 Jahren gelehrt, und damals war Ananda persönlich anwesend. Diese Übertragung wurde an Repa Gyatso von seinen Lehrern weitergegeben, und somit konnten wir diesen Segen empfangen. Dies ist nur möglich, wenn wir Repa Gyatso als einen Buddha sehen, denn nur unter diesem Gesichtspunkt bekommen wir auch den Segen eines Buddhas. Wenn also Zeit nur ein Konstrukt des Egos ist und Repa Gyatso der lebende Buddha für mich ist, macht es keinen Unterschied, ob ich damals beim historischen Buddha einer seiner Schüler war oder jetzt genau dasselbe erlebe.

Dies war ein einzigartiges Geschenk, und ich hoffe, den Wert darin irgendwann wahrhaftig erkennen zu können.

Wir traten den Rückweg an. Bevor wir unten wieder ankamen, blickten wir noch einmal auf den Berg hinauf. Da stand eine Frau, die komplett in Weiß gekleidet war, und sie trug einen Regenschirm mit den Farben Rot, Gelb, Grün, Blau. Somit zeigten sich uns alle fünf Buddhafarben. Repa Gyatso erklärte, wie besonders und einzigartig dieser Moment ist und dass alle Buddhas uns somit ein Zeichen mitschickten. Dies kommt eigentlich nie vor, und ein größeres Geschenk und glücksverheißendes Zeichen kann es gar nicht geben.

Mit dieser Erfahrung und Dankbarkeit im Herzen machten wir uns auf den Weg nach Nalanda.

Als wir in den übrig gebliebenen Mauern in Nalanda ankamen, zeigte sich uns die enorme Größe dieser ehemaligen Universität. Manche Mauern sind über die vielen Jahre herabgekommen und mussten restauriert werden, und andere Mauern und Backsteine waren noch dieselben wie damals. Wir liefen einige Meter, und Repa Gyatso erklärte uns anhand eines Beispiels, wie fortschrittlich und schlau die Mönche und Nonnen damals bereits waren. Denn es war ein Wasser- und Abwassersystem erkennbar, das durch Einbuchtungen im Boden verlief. Wir wissen heute von Indien, dass es kein sauberes Trinkwasser gibt, und die Toilettenanlagen unterliegen auch keinem fortschrittlichen Prinzip. Daher war es erstaunlich, wie es diese Menschen damals offensichtlich ohne viel Mühe umsetzen konnten.

Eine Schulklasse bemerkte uns und so wurden wir gleich zu einem Gruppenfoto eingeladen. Ein Schüler von Repa Gyatso entwarf und bedruckte vor der Reise Shirts, die wir hierfür gut einsetzen konnten.

Wir liefen weiter, und ich bemerkte, dass ich zwar den Ort hier sehr bestaunte, doch trotzdem war da in mir ein Gefühl von Abgrenzung. Irgendwie konnte ich mich nicht ganz darauf einlassen. Auch Tage zuvor kam beim Namen Nalanda und der Kurzbeschreibung dieses Ortes ein Widerstand hoch. Ich konnte nicht zuordnen, von wo dieses Gefühl kam, und trottete manchmal so hinter der Gruppe nach. Meine Cousine, die auch Teil der Reisegruppe war, fragte mich dann, ob ich das Gefühl hatte, vor vielen, vielen Lebzeiten schon einmal hier gewesen zu sein. Diese Frage stellte sie mir an noch keinem anderen Platz, und ich war sehr überrascht, warum sie diese Frage wählte. Ich nahm ja mein Gefühl zu diesem Platz wahr und war daher sichtlich irritiert. Ich beantwortete die Frage damit, dass ich es nicht glaube. Sie lächelte mich an, und ihr Blick sagte mir, dass sie vom Gegenteil überzeugt war.

An einer Mauer, die zum Abbruch gerade abgetragen wurde, sagte Repa Gyatso zu uns, dass, wenn wir noch ursprüngliche, lose Steine finden und einen Bezug zu diesem Ort haben, wir als Erinnerung gerne welche mitnehmen können. Die anderen begannen zu suchen, und ich hatte nicht das Bedürfnis, irgendetwas mitzunehmen. Ich hatte ein komisches Gefühl, da ich nicht nachvollziehen konnte, warum ich an einem so besonderen Ort einen so großen Widerstand empfand. Ich sollte mich doch eigentlich glücklich schätzen, hier zu sein. Wenn ich die Begeisterung der anderen in deren Augen sah, schämte ich mich etwas, diesen Platz wohl nicht so wertzuschätzen und wahrnehmen zu können wie die anderen. Nachdem sie ihre Erinnerungsstücke eingesammelt hatten, liefen wir einige Schritte. Repa Gyatso drehte sich zu mir um und hielt mir seine geschlossene Hand hin, mit der Intention, mir etwas zu geben. Ich streckte meine offene Hand aus, und er gab mir etwas Kleines, Unförmiges. Er sagte kein Wort dazu, lief weiter, und die anderen folgten ihm. Ich öffnete meine Hand, und darin lag ein abgebrochenes Mauerstück. Ich hatte keine Ahnung, warum er genau mir dieses Geschenk machte. Ich hielt es lange in meiner Hand. Ich war sehr dankbar und fühlte mich verbunden. Dadurch konnte ich mich auch mehr auf diesen Platz hier einlassen.

Repa Gyatso erzählte uns Geschichten von ehemaligen Mönchen, die hier lebten. Das Leben namhafter Meditationsmeister wie Naropa oder Śāriputra wurde durch bildhafte Erzählungen beschrieben. Wir verbrachten etwas Zeit in den ehemaligen Zimmern der Studierenden und in den Gemeinschaftshallen, in denen sich alle zum Lernen, Studieren und Meditieren trafen. Wir konnten uns hineinversetzen, wie friedlich und vollkommen erfüllend es gewesen sein musste, hier zu leben, hier zu lernen und seinen Geist an diesem Ort wirklich kennenzulernen. Es musste zwar ein sehr einfaches Leben sein, doch wenn wir die Wege in der Anlage entlanggingen, konnte ich fühlen, warum es einem materialistischen, überladenen „fortschrittlicheren“ Leben weit voraus ist.

Ein weiteres Teaching, das wir an diesem Tag erhielten, blieb mir sehr im Gedächtnis. Repa Gyatso erklärte, dass, wenn wir Probleme oder komische Gefühle haben, diese meist innerlich entstanden sind, daher bringt es auch nur begrenzt etwas, die Lösungen im Außen zu suchen.

Daher ist die Lebensweise, die die Mönche und Nonnen hier in Nalanda wählten, auf das Kostbarste ausgerichtet: auf den Geist. Die Loslösung von Samsara, dem ewigen Kreislauf des Leides. Zu erleben, wie viel mehr außerhalb der eigenen Begrenzungen möglich ist. Zu erahnen, welche außergewöhnlichen Qualitäten in einem selbst noch schlummern. Zu fühlen, dass das Wundervollste, Liebenswerteste und Größte in jedem einzelnen von uns bereits enthalten ist. Jeder von uns hat das Potenzial, die Unbegrenztheit und Freiheit der Möglichkeiten zu erleben, wenn wir nur mutig sind. Mutig genug, Konzepte aufzulösen. Mutig genug, nicht aufzugeben. Mutig genug, die eigenen Gefühle zuzulassen. Mutig genug, den Sprung ins Ungewisse zu wagen. Mutig genug, die eigene Größe nicht zu fürchten. Mutig genug, als Inspiration für andere zu leben. Und mutig genug zu sein, das Vertrauen und die Überzeugung niemals aufzugeben.