Auch an diesem Tag machten wir uns wieder auf den Weg. Im archäologischen Museum angekommen, fiel mir zuerst auf, dass die meisten Statuen und Skulpturen, die darin ausgestellt waren, beschädigt wurden. Ich ging neugierig hinter Repa Gyatso her und war gespannt auf die Geschichten, die sich hinter den Ausstellungsstücken verbargen.

Zuerst sahen wir weibliche Statuen, die Tara darstellen könnten. Wir stellten schleunigst fest, dass bei vielen Skulpturen die Nase fehlte oder die Brüste der Figuren abgeschlagen wurden. Repa Gyatso erklärte uns, dass die weibliche Darstellung für Leben und Weisheit steht. Als Ausdruck von Zorn wurden diese Figuren zerstört, um auch das weibliche Prinzip zu schädigen. Die Frage ist „Kann die Beschädigung oder Zerstörung einer Statue, die von so vielen Menschen angebetet und verehrt wurde, die Kraft der Statue vernichten?“

Zuerst war es wichtig zu verstehen, was SEM ist. SEM ist die Eigenenergie von Objekten. Jedes Objekt besitzt eine Eigenenergie. Diese Eigenenergie kann verändert werden, um so näher wir mit diesem Objekt interagieren. Beispielsweise tragen wir zehn Jahre lang unsere Lieblingsuhr. Mit der Zeit wird das SEM überschrieben, bedeutet: unsere Eigenenergie überschreibt die des Objektes.

Da die Statuen im Museum einen Gewaltakt erfahren haben ist es fraglich, ob die Jahrhunderte lange Anbetung durch diese Tat überschrieben wurden und die Statuen jetzt vielleicht ein unheilsames SEM in sich tragen.

Dies ist nicht möglich. Warum? Weil in manchen Objekten so eine enorme Kraft herrscht, die nicht durch einen Akt gelöscht oder überschrieben werden kann. Diese Kraft können wir auch an bestimmten Plätzen nachempfinden (z.B. an religiösen Orten, bei Stupas, in Tempel). Praktizierende begegneten den ausgestellten Statuen seit Jahrtausenden mit unglaublich viel Wertschätzung, Liebe und zahlreichen Wünschen. So viel Liebe kann nicht durch einen Akt der Gewalt überschrieben werden, denn Liebe ist stärker als Hass.

Nach diesem Teaching platzierte Repa Gyatso jeden von uns vor einer Statue. Jeder bekam eine individuelle Aufgabe – auf was er meditieren soll und in welches Gefühl jeder reingehen soll.

Ich stand vor einer weiblichen Statue, deren Gesicht und Arme ebenfalls zertrümmert wurden. Ich sollte mich auf die Bauchgegend fokussieren und auf das Gefühl der Bewunderung. Ich sollte mich in die Zeit zurück versetzen und mir vorstellen, wie viele Menschen Tag für Tag die Reise zu dieser weiblichen Statue auf sich nahmen und sie anbeteten. Zusätzlich sollte ich mir dazu eine Farbe vorstellen.

Ich kam ziemlich schnell in dieses Gefühl der Freude, der Wertschätzung und der Bewunderung und als Repa Gyatso vorbei lief, sagte er ich könne aufhören, denn ich habe die Aufgabe bereits erlebt, da ich das Gefühl empfand.

Interessant war auch, dass, wenn wir auf diese Weise in eine Erfahrung eintauchen und die vergangene Geschichte nachempfinden, die Zeit in diesem Moment nicht mehr existiert. Wir können die Vergangenheit tatsächlich im Hier und Jetzt als eigene Realität erleben.

Auch an diesem Tag gingen wir wieder zum Mahabodhi-Tempel. In den späten Abendstunden fand dort eine Art Ritual statt, bei dem ein ganz bestimmtes Lied erklang. Obwohl ich keine Ahnung hatte, um was der Text handelte, war ich direkt berührt. Mit Gänsehaut stand ich da, lauschte der Melodie und fühlte, wie mein Herz sich in den Klängen verlor.

Für alle, die sich selbst ein Bild davon machen möchten, habe ich die Melodie herausgesucht. Erst Monate nach der Reise erfuhr ich, was für ein Gesang mich so tief berührte: