Nach einer langen Reise landeten wir endlich in Gaya. Kaum aus dem Flughafengebäude getreten, begann das Abenteuer und zwar schon bei der Suche nach einem Taxi. Oder besser gesagt: Die Taxifahrer suchten uns. Mehrere Männer liefen uns hinterher, redeten wild durcheinander und versuchten, uns von einer Fahrt mit ihnen zu überzeugen. Da wir zu siebt waren, wollten sie uns auf zwei Taxis aufteilen. Doch Repa Gyatso verhandelte nicht lange und bestand darauf, dass wir alle gemeinsam fahren. Also quetschten wir uns zu siebt in ein Taxi, das Gepäck aufs Dach, und los ging’s – mitten hinein ins indische Chaos.
Gleich zu Beginn begrüßte uns Indien auf seine ganz eigene Weise – mit Regen. Repa Gyatso lächelte und erklärte uns, dass Regen bei der Ankunft als glückverheißendes Zeichen gilt. (In der buddhistischen Symbolik gilt Regen als Ausdruck von Reinigung und Segen – ein Hinweis darauf, dass Hindernisse sich auflösen und gute Bedingungen entstehen.)
Während der Fahrt zum Guest House bekamen wir einen ersten Eindruck davon, wie anders das Leben hier war. Zwischen Müllhaufen, Kühen, Ziegen, Hunden und Hühnern reihten sich kleine Häuser und einfache Hütten.

Für uns war es ein neuer Blick auf das, was für viele Menschen Alltag bedeutet. Immer wieder sahen wir Tempel und Schreine am Straßenrand – eine surreale Mischung aus Einfachheit und Lebendigkeit.
Der Taxifahrer schien unser Ziel nicht zu kennen und ließ uns an einem falschen Ort aussteigen. Dort begegneten wir einem Mann, der sich selbst als Bodhisattva bezeichnete. Schnell merkten wir jedoch, dass seine Absicht wohl eher geschäftlicher Natur war. Er wollte uns Reisen organisieren und zeigte mehr Interesse an Geld als an spiritueller Praxis.
Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten wir schließlich unser Guest House. Die Begeisterung über die Aussicht auf eine Mülldeponie hielt sich in Grenzen, aber alle waren erleichtert, endlich angekommen zu sein und das Gepäck abstellen zu können.
Trotz Erschöpfung war klar, dass wir noch an den Mahabodhi-Stupa gehen würden.

(Der Stupa von Bodhgaya markiert jenen Platz, an dem Buddha unter dem Bodhi-Baum die Erleuchtung erlangte.)
Repa Gyatso erklärte uns, dass es wichtig sei, täglich dorthin zu gehen – aus Wertschätzung und um eine Verbindung zu diesem Ort aufzubauen.
Als wir durch die Sicherheitskontrolle gingen und der Stupa plötzlich in der Dunkelheit aufleuchtete, war ich sprachlos. Er war viel größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich fühlte eine Mischung aus Freude, Staunen und innerer Ruhe. Repa Gyatso erinnerte uns daran, dass wir nun genau dort standen, worauf wir so lange gewartet hatten – an einem Ort, von dem wir monatelang gesprochen, den wir uns aber nie wirklich vorstellen konnten.

Er erklärte uns, wie wir den Stupa umrunden sollten, eine Praxis, die im Buddhismus Kora genannt wird.
(Eine Kora ist eine rituelle Umrundung eines heiligen Ortes im Uhrzeigersinn – als Ausdruck von Hingabe, Reinigung und Achtsamkeit.)
Wir begannen gemeinsam unsere erste Runde, und ich war einfach dankbar, das erleben zu dürfen.
Als wir fast am Ende waren, kamen wir an einer Gruppe Mönche in orangefarbenen Roben vorbei. Einer von ihnen gab mir ein Blatt – offenbar vom heiligen Bodhi-Baum. Zuerst war ich ehrfürchtig und sprachlos, doch gleichzeitig fühlte ich ein leichtes Unbehagen. Der Blick des Mönchs war unangenehm, fast anzüglich. Repa Gyatso bemerkte es und sprach ihn ruhig, aber bestimmt an:
„Wenn du Karma verstehst, weißt du, dass solches Verhalten Folgen hat.“
Der Mönch nickte und entschuldigte sich.
Später erklärte Repa Gyatso uns, dass nicht jeder, der eine Robe trägt, auch wirklich praktiziert. Viele leben einfach dort, ohne die Gelübde einzuhalten. Es war eine eindrückliche Lektion – zu erkennen, dass auch in einem heiligen Ort wie Bodhgaya Samsara (die Welt der Verblendung) spürbar bleiben kann.
Im innersten Bereich des Tempelkomplexes hielten wir schließlich unsere Stirn an die alte Steinplatte vor dem Bodhi-Baum. Ich spürte tiefe Dankbarkeit und ein Gefühl von Verbindung – zu diesem Ort, zu meinem Lehrer, zu dieser Reise.
An diesem Abend bemerkten wir, dass viele Tiere wie Hunde und Vögel die Nähe zum Stupa suchten. Es schien, als ob selbst sie den Frieden dieses Ortes wahrnahmen.
Nach diesen unglaublichen Eindrücken ließen wir den Abend im „Happy Café“ ausklingen – erschöpft, still und erfüllt.
So endete unser erster Tag – in einer anderen Welt, aber irgendwie auch näher bei uns selbst.
