Viele Teachings auf der Reise gingen um unsere Wahrnehmung und inwieweit sich diese verändern kann. Es war ein wichtiges Thema, denn jeder Einzelne identifiziert sich über seine Wahrnehmung. Wenn sich also unsere Wahrnehmung ändert, verändert sich unser Ego.
So war die Reise eine großartige Möglichkeit, dass wir unsere Gewohnheiten, Erinnerungen und Geschichten (= unser Ego) verändern.
Hier ein Auszug aus einem Teaching von Repa Gyatso:
Unsere Wahrnehmung (die durch unsere ganz persönlichen Erinnerungen, Bilder, Gefühle, Gedanken und Identifikationen gefiltert ist) ist bloß die Idee der Wirklichkeit – so wie eine Landkarte nur eine Idee von einem Land ist, nicht aber das Land selbst.
Eine Hand z. B. kann man auf mehrere Arten wahrnehmen. Man kann sie fühlen, sehen, hören, schmecken, riechen. Jeder Sinn ist mit einem Erinnerungsvermögen verknüpft. Je öfter wir eine Erfahrung von etwas haben, desto mehr identifizieren wir uns mit dieser Erfahrung – mit dem, was wir lediglich interpretieren.
So sind auch unsere Gedanken nur limitierte und vereinfachte Abbilder dessen, was Wirklichkeit ist.
Aus den Interpretationen, die wir über unser Leben ansammeln, setzt sich unser Ego zusammen.
> Wenn wir eine Eingerichtetheit auf Samsara praktizieren, häufen wir ständig samsarische Eindrücke an <
Die Funktionsweise des Geistes ist es, sich auf etwas auszurichten.
So richten wir uns beispielsweise auf Drama, Mangel, Negativität, Krankheit und Probleme aus. Oder – wenn wir bewusstere Gewohnheitsmuster geschaffen haben – richten wir uns auf Fülle, Reichtum, Positivität und Gesundheit aus.
Doch im Buddhismus verfolgen wir eine andere Art der Ausrichtung. Wir verstehen, dass die größten Kostbarkeiten, die wir in Samsara anhäufen können, nicht dauerhaft sind. Sie sind vergänglich. Und da sie vergänglich sind, können sie uns niemals dauerhafte Zufriedenheit bringen.
Auch jegliche Verbesserung und Verschönerung unseres Egos bringt zwar temporäre Zufriedenheit, doch da wir immer noch im Ego mit dem Ego arbeiten, kann dies nicht zu einem Geisteszustand führen, der unerschütterlich ist. Denn alles, was auf dem Ego basiert, ist abhängig von äußeren Umständen, Bewertungen und inneren Zuständen, die sich ständig verändern.
Sobald sich diese verändern – sei es durch Kritik, Verlust, Unsicherheit oder unerwartete Situationen – gerät auch das Gefühl von Zufriedenheit wieder ins Wanken.
Ein unerschütterlicher Geisteszustand hingegen ist nicht mehr von diesen wechselnden Bedingungen abhängig. Er bleibt stabil, unabhängig davon, was geschieht, weil er nicht mehr auf Identifikation, sondern auf einem tieferen Verständnis der eigenen Natur beruht.
Dafür beginnen wir unseren Geist neu auszurichten.
Durch die stetige Weiterentwicklung der eigenen Disziplin (die wir durch unsere tägliche Meditation aufrechterhalten) verändert sich unser Fokus – und damit unsere Wahrnehmung.
> Der Buddhismus birgt die Möglichkeit, die Ursache des Leidens tatsächlich aufzulösen <
Nach Beendigung des Teachings plante Repa Gyatso mit uns eine Gehmeditation. Wir entschieden uns, etwas abgelegen beim Mahabodhi-Tempel die Gehmeditation zu machen. Repa Gyatso erklärte uns die Praxis und zeigte uns verschiedene Möglichkeiten, wie eine Gehmeditation ausgeführt werden kann.
Wir sollten uns auf einen Punkt konzentrieren und uns in sehr langsamen Schritten minimal fortbewegen. Es ging nicht darum, schnell an ein Ziel zu gelangen, sondern vielmehr darum, die Übung sauber, bewusst und achtsam auszuführen.
Es war eine spannende Erfahrung. Zu Beginn der Meditation merkte ich, wie ungeduldig ich war und dass dieses langsame Gehen einen Stress in mir auslöste. Umso länger ich jedoch die Praxis ausführte, umso ruhiger und fokussierter wurde ich. Ich empfand es als eine schöne Praxis und auch die gezielte Wahrnehmung des Körpers erdete mich.
Nach der Praxis saßen wir alle zusammen und Repa Gyatso fing an, die Druckpunkte an unseren Händen zu massieren, wodurch sich Blockaden oder Verspannungen lösen konnten.

An dem Platz, an dem wir die Gehmeditation machten, war ein großer See angelegt, in dessen Mitte eine Buddhastatue stand. Wir gingen über die Treppen hinunter und setzten uns dann auf eine der letzten Stufen, von denen aus wir den Buddha und den See vollständig überblickten.

Repa Gyatso und die anderen setzten sich hin und neben Repa Gyatso war noch ein Platz frei. Ich freute mich darüber und wollte mich gleich neben ihn setzen. Im Augenwinkel sah ich jedoch, dass eine Person aus unserer Gruppe hinter mir stand und etwas zögerte. Da dachte ich mir, dass ich ohnehin schon sehr viel in der Nähe von Repa Gyatso war und während der ganzen Reise viele Möglichkeiten hatte, unmittelbar bei ihm zu sitzen. Ich war dankbar für diese Möglichkeiten und wollte es gleichzeitig nicht als selbstverständlich sehen oder jemand anderem die Gelegenheit nehmen.
So entschied ich mich dazu, abzuwarten und ihr den Vortritt zu lassen. Doch sie setzte sich an den Rand der Stiegen und so setzte ich mich neben ihn. Repa Gyatso sah mich von der Seite an und sagte: „Um auf deine Frage zu antworten: Ja.“
Ich war ziemlich überrascht, weil ich nicht wusste, auf welche Frage er sich bezog. Des öfteren erlebte ich bereits, dass Repa Gyatso die Fähigkeit besitzt Gedanken zu lesen. Für uns hier im Westen klingt das schon nahe zu unglaubwürdig. Er betonte jedoch immer wieder, dass es wohl zu einer der einfachsten Dinge zählt, zu denen der Geist fähig ist.
Da er die Antwort so selbstverständlich gab, traute ich mich nicht nachzufragen, auf welche Frage dies die Antwort sei. So verpasste ich die Möglichkeit und blieb in Unwissenheit.
Da erinnere ich mich an eine weitere Situationen auf der Reise, die mir im Gedächtnis geblieben ist und bei der ich dankbar war, die Frage gestellt zu haben.
In den ersten paar Tagen in Bodhgaya waren wir im unteren Teil der Tempelanlage und Repa Gyatso ging mit uns gemeinsam in eine Höhle, die es dort gibt. Wir hatten die Höhle zuvor nicht besucht und ich wusste nur, dass die Höhle der Grünen Tara gewidmet war. (Die Grüne Tara ist ein weiblicher, friedvoller Yidam des tibetischen Buddhismus)
Da jemand aus der Gruppe vor dem Höhleneingang stehen blieb, wusste ich nicht genau, ob ich auch warten sollte. Da erinnerte ich mich daran, welche Kraft und welchen Segen es hat, einen Platz zum ersten Mal mit dem eigenen Lehrer zu erleben und dass man solche Möglichkeiten nutzen sollte.
Daher entschied ich mich, ebenfalls in die Höhle hineinzugehen. Unmittelbar nachdem ich in die Höhle eingetreten war, kam plötzlich eine Erinnerung an einen Traum hoch, den ich Wochen oder Monate vor der Reise gehabt hatte. Ich kann mich nicht mehr genau an den Traum erinnern. Und obwohl es um eine Höhle ging, die anders aussah, war dieser Traum blitzartig da und ich verknüpfte ihn unmittelbar mit dieser Höhle. Es war wie eine Art Trance, die nur wenige Sekunden anhielt und in der ich diesen Aha-Moment hatte: Ich war schon einmal hier.
Später erzählte ich Repa Gyatso von meinem Erlebnis und fragte nach, wie das sein könne oder was es zu bedeuten hätte. Er antwortete: Vielleicht hat es damit zu tun, dass du schon viel früher in die Reise eingebunden warst.
