Einige Monate vor Reisebeginn sah ich eine Dokumentation über Praktizierende, die den gesamten Weg von Tibet nach Indien ausschließlich mit Verbeugungen zurücklegten. Um eine solche Strecke zu bewältigen, bedarf es ca. 3,5 Millionen Niederwerfungen.

Der Weg selbst ist ohnehin beschwerlich und von schlechter Beschaffenheit – und dann noch die Entscheidung zu treffen, ihn nicht einfach zu gehen, sondern ihn meditativ und auf diese herausfordernde Weise zu praktizieren, war für mich mehr als inspirierend.

Als ich diese Bilder sah, war ich zutiefst berührt. Es war ein Ausdruck von unermesslicher Wertschätzung und tiefem Vertrauen. In diesem Moment nahm ich mir vor, auf unserer Reise an einem besonderen Ort meine eigene Wertschätzung durch einen zusätzlichen Aufwand in Form von Verbeugungen darzubringen. Ich wählte dafür jenen Platz, an dem der Buddha zur Erleuchtung kam.

Die Tempelanlage mit dem Stupa lässt sich wie eine Art Mandala vorstellen. In der Mitte steht der Tempel mit dem Erleuchtungsbaum, darum herum verlaufen drei Ebenen, die jeweils wie ein Viereck die Mitte umrahmen.

Während unserer Zeit in Bodhgaya war die zweite Ebene geschlossen. Man konnte daher nur die äußerste Ebene und jene direkt am Stupa umrunden. Üblicherweise wird jede Ebene dreimal begangen, bevor man zur nächsten übergeht. So entschloss ich mich, früh am Morgen aufzustehen und diese beiden Ebenen jeweils dreimal mit Verbeugungen zu praktizieren.

Simon begleitete mich zum Mahabodhi-Tempel und half mir bei den Vorbereitungen. Wir bastelten Knieschützer, ich zog Handschuhe an und hatte zwei kleine, gefüllte Stoffkissen dabei, die gut in meine Handflächen passten und mir halfen, am Boden zu gleiten, um die Niederwerfungen sauber auszuführen.

Als wir frühmorgens das Gelände betraten, lag eine besondere Stimmung in der Luft. Nur wenige Menschen waren da. Ich war noch nie so früh hier gewesen und bemerkte sofort die besondere Kraft dieses Ortes in den Morgenstunden.

Zu unserem Erstaunen trafen wir auf den „Porridge-Master“ aus dem Karma-Kagyu-Café, den ich bisher nur im Café angetroffen hatte. Er fragte, was wir so früh hier machten. Simon erklärte, dass ich die Verbeugungen um den Stupa praktizieren wolle.

Er sah mich mit großen Augen an und brachte nur ein erstauntes „You?“ hervor. Offenbar traute er mir diese Praxis aufgrund meiner zierlichen Statur nicht zu. Ich musste lächeln. In mir entstand der Gedanke: Unterschätze nicht, was Entschlossenheit vermag.

Simon machte sich auf den Weg zu seiner eigenen Praxis, und ich begann mit meinen Niederwerfungen. Ich nahm mir vor, jeweils eine Verbeugung zu machen, zwei Schritte zu gehen und dann die nächste folgen zu lassen. Diese Praxis wollte ich ganz meiner Wertschätzung widmen und daher fasste ich einen klaren Entschluss: Egal, was sich mir in den Weg stellen würde – Schmutz, fremde Füße, die Hinterlassenschaft eines Hundes oder andere Hindernisse – ich würde meinen Rhythmus nicht verändern.

Mit jeder Niederwerfung schien mein Verstand leiser zu werden, während meine Motivation wuchs und die Bewegungen waren getragen von Dankbarkeit. Die Übung war körperlich anstrengend – ich hatte noch nie so viele Verbeugungen am Stück gemacht –, doch durch den entstandenen Rhythmus fiel es mir nicht schwer. Es fühlte sich an, als würde sich innerlich etwas aufbauen und zugleich vieles von mir abfallen.

Manche Pilger, die ihre Kora liefen, drehten sich zu mir um und verbeugten sich kurz als Zeichen der Wertschätzung. Eine ältere tibetische Frau, die kaum noch gehen konnte, lächelte mich zu Beginn der Praxis mit leuchtenden Augen an und verbeugte sich ebenfalls. Dieser Blick berührte mich tief.

Als ich die innere Ebene beim Tempel erreichte, war bereits einige Zeit vergangen, und der Platz hatte sich gefüllt. Es wurde schwieriger, meinen Rhythmus beizubehalten, doch ich fand einen Weg.

Erstaunlicherweise störte es mich kaum, dass mein Gesicht oft nur wenige Zentimeter neben fremden Füßen den Boden berührte. Früher hätte allein die Vorstellung Unbehagen oder Ekel ausgelöst. In diesem Moment jedoch gab es keine Störung – nur die Praxis.

Nach der dritten Runde stand ich direkt vor dem Tempeleingang. Teil dieser Praxis ist ein Versprechen – Wünsche für alle Wesen und eine Ausrichtung für das eigene Leben. Ich verspürte den starken Wunsch, dieses Versprechen direkt vor der Buddhastatue abzulegen. Also stellte ich mich in die Schlange. Schritt für Schritt ging es vorwärts.

Im Inneren war es überfüllt, und die Security begann bereits, Menschen hinauszuleiten. Dennoch war ich fest entschlossen, hier meine Meditation abzuschließen. Ich stellte mich an den Rand, lehnte meinen Rücken an die Wand, schloss die Augen, faltete die Hände vor meinem Herzen und begann innerlich mit der Rezitation des Bodhisattva-Gelübdes. Immer wieder streiften mich Arme vorbeigehender Menschen, doch niemand unterbrach mich. Minutenlang blieb ich so stehen.

Als ich die Augen öffnete, spürte ich ein Kribbeln im ganzen Körper. Meine Brust war warm, und tiefe Freude erfüllte mich. Vor mir drängten sich Menschen um einen Mönch. Es fand gerade die Zeremonie statt, bei der die Roben der Buddhastatue gewechselt und Teile der getragenen Robe an Anwesende verteilt wurden. Ich hatte diese Zeremonie zuvor nur aus der Ferne erlebt.

Es bedarf viele Bedingungen, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – und noch mehr, um nach vorne zu gelangen.

Ich war bereits dankbar, mein Versprechen hier abgelegt zu haben, und hatte kein Bedürfnis, mich vorzudrängen. Ich trat lediglich einen Schritt näher, um das Geschehen zu beobachten.

Ein Mönch, der seinen Teil der Robe erhalten hatte, wandte sich zum Gehen und sah mich an. Mit einer Geste deutete er, dass ich seinen Platz einnehmen solle. Zögernd ging ich vor. Er hielt sogar andere davon ab, diesen Platz einzunehmen. Ich lächelte ihm dankend zu und trat nach vorne.

Um mich herum spürte ich Unruhe. Hände streckten sich dem Mönch entgegen, Geduld oder Wertschätzung waren kaum wahrnehmbar – vielmehr eine drängende Gier.

Ich dachte: Gerade hier sollten doch die Lehren angewendet werden und eine heilsame Haltung, wie Geduld, praktiziert werden?

In diesem Moment wurde mir klar: Wenn ich mich ebenfalls drängen müsste, um ein Stück zu erhalten, wäre es mir das nicht wert.

Ich verbeugte mich leicht, formte meine Hände wie eine Schale und senkte den Blick. Neben mir wurde geschoben und gedrängt. Plötzlich spürte ich Stoff in meinen Handflächen.

Ich öffnete die Augen. Ein gelber, wunderschön gefalteter Khatak lag in meinen Händen.

Ich war wie erstarrt. Dankbar blickte ich dem Mönch in die Augen und verbeugte mich erneut. Dann verließ ich die Menge.

Bevor ich den Raum verließ, trat ich noch einmal vor die Buddhastatue und verbeugte mich. In diesem Moment stiegen mir Tränen in die Augen. Zweifel begleiten mich schon lange – dieses leise Hinterfragen, ob meine Praxis und Hingabe ausreicht. Auch während der Reise tauchten diese Gedanken immer wieder auf. Und genau hier, in diesem Augenblick, fühlte es sich an, als würde all dieses innere Fragen verstummen.

Dieses Geschenk war für mich nicht nur ein Stück Stoff. Es war wie eine Antwort – still, aber eindeutig. Eine Bestätigung ohne Worte. Ich konnte und wollte es nicht analysieren. Ich ließ es einfach in mein Herz sinken – mit Dankbarkeit und mit Demut.

Ich legte mir den Khatak um und als Zeichen der Dankbarkeit umrundete ich den Stupa noch dreimal. In der letzten Runde kam der Gedanke auf, ich könnte ihn zur Schau stellen und vielleicht bei anderen Eifersucht wecken – besonders hier an diesem Ort wollte ich das nicht. Also nahm ich ihn ab und verstaute ihn in meiner Tasche.

Später traf sich unsere Gruppe auf der Wiese beim Mahabodhi-Tempel zur gemeinsamen Praxis. Während der Praxis legte sich ein Hund direkt neben uns. Repa Gyatso erklärte, dass Tiere oft eine feine Wahrnehmung hätten und die Nähe liebevoller Energie suchten.

Beim Abendessen ging es um das Thema Potenziale und Qualitäten. Repa Gyatso fragte uns, ob wir unsere größte Qualität kennen. Diejenigen, die darauf noch keine Antwort hatten, sollten sich bewusst damit auseinandersetzen. Er erklärte, wie essenziell es sei, die eigene Qualität zu erkennen und gezielt zu fördern. Denn sobald wir sie herausarbeiten, definieren wir uns nicht länger über unsere Vergangenheit, sondern stehen in unserer Kraft. Andernfalls bleiben wir wankelmütig und handeln nicht aus einer klaren inneren Motivation heraus.

Wenn wir jedoch unsere Qualität leben, sind wir bereits in der Aktivität – alles wird von dieser Grundlage aus bewertet und unser Handeln entspringt genau dieser inneren Ausrichtung.