Die Nacht stellte für einige in der Gruppe eine große Herausforderung dar, denn die Lebensmittelvergiftung raubte ihnen den Schlaf. Am Morgen trafen wir uns alle vor unseren Zimmern, und Repa Gyatso fragte die Gruppe, ob wir den geplanten Ausflug zu den Mahākāla-Höhlen antreten sollten und wie der Zustand jedes Einzelnen sei.
Jeder, der die neuen Gerichte am Vorabend gegessen hatte, merkte an, dass er sich unwohl fühlte und eine deutliche körperliche Erschöpfung spürbar war. Repa Gyatso und ich waren davon ausgenommen, da wir diese Gerichte nicht gegessen hatten. Anhand der Situation musste er abwägen, ob er jemanden für die nächsten Stunden allein im Tempel lassen konnte, sofern die anderen die Reise antreten wollten.
Meine Cousine Michelle fühlte sich sehr schwach und äußerte ihre Bedenken bezüglich der anstehenden Reise. Gleichzeitig schwankte sie in ihrer Entscheidung, weil sie wusste, dass wir zu einem sehr kraftvollen Ort gehen würden.
Auch für die anderen war es eine große Überwindung. Repa Gyatso erklärte, dass man auf den eigenen Körper hören solle. Wenn im Körper deutliche Warnsignale spürbar seien und man davon ausgehen müsse, dass körperliche Anstrengung das Gegenteil von Besserung bewirkt – was bringt es dann, einen weiteren Ort zu besuchen? Die Konsequenz könnte sein, dass man zwar am Ausflug teilnimmt und den Platz erlebt, danach jedoch die nächsten Tage zu Hause bleiben muss, weil sich der Zustand verschlechtert. Er merkte an, dass er diese Entscheidung niemandem abnehmen könne, dass jeder erwachsen genug sei, die eigene körperliche Verfassung einzuschätzen, und dass es wichtig sei, die eigenen Grenzen zu kennen.
Da das angemietete Auto eintraf, musste eine Entscheidung getroffen werden. Alle aus der Gruppe entschieden sich mitzukommen, und Michelle entschied sich, die Zeit zu nutzen, um sich im Tempel zu regenerieren.
So stiegen wir ins Auto, und die ein- bis zweistündige Autofahrt mit vielen Eindrücken begann.

Zeiten wie Autofahrten sollten wir immer nutzen, um Mantras zu rezitieren. Anstatt also einfach die Umgebung wahrzunehmen oder pausenlos an die eigene Lebensmittelvergiftung zu denken, konnten wir unseren Geist durch die Mantras ausrichten.
Da wir mit den Mantras beschäftigt waren, bekam ich von den anderen nicht wirklich mit, wie es ihnen ging. Es tat mir leid, dass sie mit den körperlichen Beschwerden, dem Unwohlsein und der Übelkeit zu kämpfen hatten, und ich war auch frustriert, dass wir doch schon so vieles gelernt hatten und trotzdem durch solche Fehler und samsarische Ausrichtungen eine derartige Konsequenz auf der Pilgerreise erfuhren.
Während der Autofahrt suchte Repa Gyatso das Gespräch mit uns. Er erkundigte sich nach dem Zustand der Gruppe. Fast einheitlich wurde geantwortet, dass die stärkeren Schmerzen oder das Unwohlsein inzwischen fast gänzlich verschwunden seien.
Er blickte die Gruppe an, und vielleicht war da bei manchen auch Freude darüber, dass die Krankheit scheinbar einfach verschwunden war, ohne sich zu fragen, wie das möglich sein sollte. Eine Lebensmittelvergiftung geht bekanntlich nicht einfach nach zehn Stunden von selbst weg. Repa Gyatso erklärte, dass man sich selbst nicht überschätzen solle und jetzt nicht glauben dürfe, man habe die Vergiftung einfach gut weggesteckt. Er ergänzte, dass es andere Möglichkeiten geben könne, denn eigentlich hätte jeder vollkommen erschöpft sein müssen – und nun schien plötzlich alles wie verflogen.
Ich weiß, dass Repa Gyatso insgeheim viel für uns tut, von dem wir überhaupt nichts wissen und dass er auch nicht mit uns teilt. Mit solchen Informationen könnten wir ohnehin nichts anfangen, denn wir erleben die Dinge nicht so wie er. Wir können gewisse Dinge nicht wahrnehmen, noch können wir sie uns wirklich vorstellen. Also könnten wir manches, selbst wenn er uns einen Einblick gäbe, nur mit dem Verstand begreifen – und wie die Pilgerreise zeigt, oft nicht einmal das.
In diesem Gespräch bemerkte ich, dass es Repa Gyatso selbst nicht gut zu gehen schien. Ich wunderte mich, machte mir Sorgen und konnte die Situation nicht richtig einschätzen. Vielleicht hatte er Schmerzen aufgrund seiner Bandscheibe, doch er wirkte insgesamt angeschlagener und auch deutlich blasser als sonst.
Die anderen schienen darüber nachzudenken, was wohl vorgefallen war und welche logische Erklärung es dafür geben könnte, dass es ihnen so plötzlich besser ging.
Repa Gyatso entschied sich schließlich dazu, die Gruppe an einem Teil dessen teilhaben zu lassen, welche Möglichkeiten ein Lehrer hat, um seine Schüler zu beschützen und ihnen zu helfen. Fast beiläufig erwähnte er, dass, wenn ein Lehrer zu seinen Schülern ein tiefes Band aufgebaut hat und außerhalb samsarischer Gesetzmäßigkeiten wahrnehmen und agieren kann, er auch das Karma eines Schülers verändern könne. Er erklärte jedoch nicht, wie das funktioniere – denn das wäre sinnlos. Er ergänzte, dass es für einen Lehrer einen triftigen Grund geben müsse, um sich dazu zu entscheiden, in den karmischen Verlauf eines anderen einzugreifen. Dafür müsse einiges aufgebracht werden, und ein Lehrer tue das nicht einfach so.
Karma auf sich zu nehmen bedeute, dass der Lehrer selbst die karmischen Auswirkungen austragen müsse. Und nur weil manche Lehrer diese Fähigkeit besitzen und zum Wohle ihrer Schüler eine solche unfassbare Bürde auf sich nehmen, bedeute das nicht, dass sie diese Krankheit körperlich anders wahrnehmen oder keine Schmerzen verspüren würden. Der Lehrer erlebe die körperlichen Zustände vollkommen identisch zu jener Person, die dieses Karma ursprünglich aufgebaut hätte.
Als ich langsam zu realisieren begann, was er uns gerade mitteilte, war ich geschockt, fassungslos und irritiert zugleich. Ich sah in seinem Gesicht, dass es ihm zunehmend schlechter ging, und aus meiner Perspektive konnte ich nicht verstehen, warum er eine solche Last auf sich nahm. Es handelte sich ja nicht einmal um das Karma, die Krankheit oder den Schmerz einer einzelnen Person – sondern um die Lebensmittelvergiftung aller anderen.
Repa Gyatso fragte die Gruppe, ob jemand bereit wäre, das Karma all dieser Personen auf sich zu nehmen. Ohne viel nachzudenken folgte ich meinem Impuls und antwortete, dass ich dazu bereit sei. Simon schaute mich fassungslos an und sagte, ich könne das nicht tun und sei verrückt. Doch ich blieb bei meiner Antwort, denn das, was ich für Repa Gyatso empfinde, geht weit darüber hinaus, dass ich ihn mit solchen Schmerzen alleine lassen könnte. Wenn es etwas gäbe, das seinen körperlichen Schmerz lindern würde, wäre ich bereit dazu.
In diesem Moment machte ich mir über das Ausmaß meiner Antwort kaum Gedanken. Objektiv betrachtet war dies eine klare Überschätzung meiner eigenen Möglichkeiten. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie sich eine einfache Lebensmittelvergiftung anfühlt – wie hätte ich mir ausmalen können, wie es sein müsste, wenn sie sich verfünffacht?
Ein weiterer Mitreisender meldete sich ebenfalls und sagte, dass auch er bereit wäre, dies zu tun – obwohl er zuvor zu denjenigen gehört hatte, denen es am schlechtesten gegangen war.
Repa Gyatso erklärte weiter, dass, wenn man wirklich davon überzeugt sei, die Lebensmittelvergiftung aus eigener Kraft gut überstanden zu haben und dies allein der Verdienst des eigenen Körpers sei, man dann ja problemlos die Krankheit der anderen auf sich nehmen könne.
Da begann das Grübeln, denn den anderen wurde bewusst, dass sie sich in einer klaren Selbstüberschätzung befanden.
Repa Gyatso bezog sich auch auf meine Antwort und erklärte, dass ich mir bewusst machen solle, was das tatsächlich bedeuten würde: die Krankheit aller zu übernehmen, ohne zu wissen, was damit wirklich einhergeht. Niemand wisse, welche Auswirkungen das haben könne.
Ich realisierte, dass ich in diesem Moment meine Weisheit überhaupt nicht angewendet hatte. Vielmehr war ich von einer surrealen Vorstellung und einem starken Wunsch angetrieben gewesen. Doch ich musste mir eingestehen, dass aus Selbstüberschätzung kein Wachstum entsteht – sondern Blindheit und Ignoranz.
So saßen wir im Auto, und ich war sprachlos. Sprachlos darüber, dass die Gruppe solches Karma aufgebaut hatte, und noch viel mehr darüber, was Repa Gyatso hier tatsächlich getan hatte.
Ohne dass sich jemand hätte vorstellen können, dass so etwas möglich ist – geschweige denn, dass Repa Gyatso derart selbstlos nur für uns Schüler handelt und ohne zu zögern eine solche Tat vollbringt.
Mit jeder Minute, in der mir bewusster wurde, was er wirklich getan hatte, löste es in mir Gefühle aus, die ich kaum einordnen konnte. Ich konnte mir nicht mehr einreden, dass wir es nicht wert seien.
Repa Gyatso kam schließlich auf den wesentlichen Punkt zurück: Ein Lehrer tut so etwas nur, wenn es einen triftigen Grund dafür gibt.
Wenn diese Praxis dazu beiträgt, dass ihr eure eigenen Begrenzungen dessen, was möglich ist, erweitert, ist das bereits viel wert. Doch was es wirklich braucht, ist nicht, dass ihr alles vollständig versteht, wie oder was hier geschehen ist. Ihr erlebt, dass es funktioniert. Ihr könnt vieles daraus mitnehmen – doch vielleicht ist dies der Beginn davon, dass ihr vertraut, wertschätzt, eure Zweifel loslasst und tief in eurem Herzen begreift, wo wir uns hier befinden.
Wir machen diese Reise nicht zum Spaß. Es gäbe viele andere Dinge, die ich tun könnte. Ich verbringe jeden Tag mit euch, gehe über meine körperlichen Grenzen hinaus, obwohl meine Lungenkapazität am Anschlag ist. Ich lade euch in meine Welt ein, zeige euch, dass es mehr gibt als das, was man euch erzählt hat. Ich nehme euch mit auf eine Reise, in der jeder Einzelne das Potenzial hat, allein durch diese Erfahrungen Befreiung zu erlangen. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht – und ihr trefft die Entscheidung: Wie weit seid ihr bereit zu gehen?
Ich spürte, wie sich mein Herz immer weiter öffnete und ich eine noch tiefere Wertschätzung, Bewunderung, Hingabe und Dankbarkeit gegenüber Repa Gyatso empfand. Mit diesem Gefühl fuhren wir weiter, und auch das Rezitieren der Mantras veränderte sich spürbar.
Als wir bei den Mahākāla-Höhlen ausstiegen, wies uns Repa Gyatso darauf hin, dass nun ein steilerer Weg nach oben bevorstand. Ich bemerkte, wie er seine Kraft bündelte, und es war erstaunlich zu sehen, wie tatkräftig er wirkte, ohne sich zu beschweren oder uns weiter in seine Schmerzen einzuweihen. Ich dachte mir, dass wir uns in diesem Moment keine Sorgen machen sollten, sondern den bevorstehenden Besuch der Höhlen mit Dankbarkeit erleben durften.
Die Mahākāla-Höhlen in Indien sind abgelegene Meditationsorte, die seit Jahrhunderten von Praktizierenden aufgesucht werden. Mahākāla ist im Buddhismus ein Schutzwesen (Dharmapāla), das aus Mitgefühl handelt. Er steht für den Schutz der Lehre, das Überwinden von Hindernissen und die kraftvolle Transformation von Verwirrung und negativen Geisteszuständen.
Als wir den anstrengenden Weg nach oben gingen, bemerkte ich, dass es dort Bambus- Tragen gab, mit denen zwei Personen eine dritte Person, die darauf saß, hinauftrugen. Es fühlte sich seltsam an zu sehen, dass jemand diesen Luxus in Anspruch nahm, während zwei andere dafür die volle körperliche Anstrengung des langen Weges auf sich nahmen.
Während wir weiter nach oben stiegen, zeigte Repa Gyatso auf einen Höhleneingang in einem anderen Berg. Wer wohl hier praktiziert hatte?
Uns begegneten zahlreiche Affen, Verkäufer und Bettler. Als wir schließlich oben ankamen, musste ich tief durchatmen und war sichtlich erschöpft. Ich sah zu Repa Gyatso und dachte, wie unglaublich er einfach ist. Unabhängig von allem zuvor Gesagten wusste ich, dass seine Lunge seit seiner Kindheit nicht voll funktionsfähig ist und er vielleicht nur über etwa 30 % Lungenkapazität verfügt. Dennoch schien es, als würde er keinerlei Anstrengung verspüren. Wieder wurde mir bewusst, wie kraftvoll sein Geist sein muss und wie sehr er seinen Körper steuern und einsetzen kann.
Wir gingen einzeln oder zu zweit in die Mahākāla-Höhle, brachten Gaben dar, und Repa Gyatso sagte, dass dies ein guter Kraftplatz sei, um Wünsche oder Versprechen zu machen.

Versprechen können uns als Praktizierende auf unserem Weg unterstützen. Wir können uns beispielsweise versprechen, weiter zu praktizieren oder die Lehren konsequent anzuwenden. Simon und ich gingen gemeinsam in die Höhle, und er bat mich, ein spezielles buddhistisches Versprechen laut zu rezitieren, da er den Text nicht auswendig konnte. Ich merkte, wie nervös ich war, und dennoch wollte ich nicht nur Worte wiedergeben, sondern diesem Versprechen Ausdruck verleihen. Es sollte mich daran erinnern, warum ich diesen Weg gehe, und mich in schwierigen Momenten begleiten, damit ich meine Ausrichtung nicht verliere.

Die geballte Kraft dieses Ortes war deutlich spürbar, und angesichts des Schutzaspekts konnte ich fühlen, wie sehr Intention und Wertschätzung einen Eindruck hinterließen.
Danach hängten wir noch eine große Gebetsfahne vor den Höhlen auf, auf der auch die Namen anderer Praktizierender und Schüler von Repa Gyatso verewigt wurden.

Wir verweilten noch eine Zeit an diesem Ort und traten anschließend die Rückreise an.

Der Fahrer brachte uns sicher zur Tempelanlage zurück. Dort angekommen erkundigten wir uns sofort, wie es Michelle ging. Auch sie erzählte, dass sie sich ausruhen konnte und es ihr deutlich besser gehe. Natürlich wusste sie nichts von unserem Gespräch mit Repa Gyatso, doch auch sie wurde später eingeweiht.
Repa Gyatso sagte, dass für diesen Tag nichts mehr geplant sei, dass wir einen Praxistag einlegen könnten und dass sich jeder erholen solle, der sich noch nicht ganz fit fühle.
Auch er selbst wolle sich hinlegen. So gingen wir alle in unsere Zimmer und verbrachten den sonnigen Nachmittag individuell.
Simon war noch etwas erschöpft und wollte sich hinlegen. Da ich mich gesund fühlte, überlegte ich, wie ich die Zeit hier in Bodhgaya sinnvoll nutzen könnte. Ich wollte keine Minute verschwenden, um mehrere Stunden im Bett zu liegen, wenn es keinen Grund dafür gab. Deshalb entschied ich mich zunächst, zum Mahābodhi-Tempel zu gehen und dort Verbeugungen zu praktizieren. Da Simon sich jedoch nur eine Stunde hinlegen und später mitkommen wollte, legte ich meinen Plan vorerst auf Eis. Ich verbrachte noch etwas Zeit im Zimmer, entschied mich dann, Michelle noch etwas vorbeizubringen, und wollte anschließend in den Innenhof gehen, um dort zu praktizieren.
Was dann geschah, stellt für mich einen ganz besonderen Eindruck dieser Reise dar.
Ich verließ das Zimmer, und da sah ich Repa Gyatso, wie er draußen auf dem Gang in der Sonne saß und sich an die Wand anlehnte.

Ich bemerkte sofort, wie schlecht es ihm ging und wie bleich er im Gesicht war. Zunächst wusste ich nicht recht, was ich sagen oder tun sollte – ob ich mich zu ihm setzen oder ihn lieber allein lassen sollte. Etwas unbeholfen ging ich auf ihn zu und setzte mich schließlich neben ihn. Mein erster Impuls war, seine Hand nehmen zu wollen. Ich fühlte mit ihm, obwohl ich mir keineswegs vorstellen konnte, wie er sich tatsächlich fühlen musste.
Es war ein zugleich kostbarer und trauriger Moment. Ich spürte ihm gegenüber eine unbeschreibliche Verbundenheit, die sich kaum in Worte fassen lässt. Er hätte mich wegschicken können, doch er tolerierte mein Dasein. Warum ich das umso mehr schätzte?
Weil ich wusste, welches Vertrauen er mir in diesem Moment entgegenbrachte. Dass ich dieses Bild nicht damit assoziierte, er sei schwach oder müsse leiden und könne daher kein Bodhisattva sein. Nein – er vertraute darauf, dass sich durch diesen Anblick mein Bild von ihm nicht verändern würde. Vielmehr ließ er mich an etwas sehr Persönlichem teilhaben. Er zeigte mir einen Zustand, den er auch hätte verbergen können. Es war roh, unverfälscht und ohne jedes Gehabe.
Ich weiß noch, wie in diesem Moment alles von mir abfiel und meine Bewunderung mit jeder Sekunde, die wir so nebeneinander saßen, weiter wuchs. Er blickte mich mit glasigen Augen an und sagte, ich solle mir keine Sorgen machen – es betreffe nur seinen Körper, nicht den Geist.
Wenn man für seinen Lehrer eine so tiefe Wertschätzung empfindet, ist es nicht leicht, ihn mit körperlichen Schmerzen zu sehen. Und dennoch versank er in dieser Situation weder in Leid noch in Hoffnungslosigkeit. Stattdessen war er darauf bedacht, dass ich mir keine Sorgen machte.
Das war eines jener herzergreifenden Erlebnisse mit Repa Gyatso, die mich spüren ließen, wie stark dieses Band zwischen uns war. Natürlich war es keineswegs wünschenswert, ihn in einer solchen Lage zu sehen. Und doch war es zugleich so berührend und ergreifend. Es gab nichts zu tun und nichts zu sagen. Wir saßen einfach nebeneinander und blickten in den Garten, der vom Sonnenlicht überflutet war.
Repa Gyatso begann zu erzählen, dass wir Dinge auf eine ähnliche Weise wahrnehmen. Dass wir das erleben können, was gerade präsent ist, und uns darauf einlassen. Wir würden die Welt ähnlich erfahren, weil unser Geist derselbe sei – weil das allgemeine Bewusstsein das gleiche ist.
Im Traum sei das anders. Ich fragte nach, warum das so sei. Er antwortete, dass im Traum individuelle Erinnerungen auftauchen, die man nur persönlich erlebt hat, und dass Träume deshalb einer anderen Art der Wahrnehmung unterliegen.
In diesem Moment ging es mir überhaupt nicht darum, stolz zu sein oder wirklich zu glauben, dass wir die Welt identisch wahrnehmen würden. Es fühlte sich vielmehr wie ein Geschenk an – ein Zeichen dafür, dass ich wohl viel Positives angesammelt hatte, um einem Lehrer wie ihm zu begegnen, ihm zu folgen, ihn als Vorbild zu sehen und mich auf dem richtigen Weg zu befinden.
Ich stellte noch eine weitere Frage, doch er sagte, dass er in solchen spontanen Momenten nicht einfach wieder „einsteigen“ oder sie reproduzieren könne. Solche Teachings entstehen spontan und gehen ebenso wieder – ohne dass man sie erzwingen könnte.
Wir saßen noch einige Minuten nebeneinander. Als ich einen Vogel beobachtete, kam die Erkenntnis, dass ich umso mehr die Untrennbarkeit erleben kann, je besser ich meinen eigenen Geist kennenlerne und erkenne, welche Qualitäten in ihm liegen.

Solche Momente sind für mich einzigartig, weil sie etwas in mir berühren, das jenseits von Worten liegt. Sie lassen mich tief spüren, warum ich mich Tag für Tag bewusst für ihn als meinen Lehrer entscheide – nicht aus Gewohnheit, nicht aus Bewunderung allein, sondern aus einer inneren Gewissheit heraus.
In diesen stillen Augenblicken wird mir klar, dass dieser Weg kein Zufall ist, sondern eine bewusste Hingabe an etwas, das mich trägt, formt und immer wieder an das Wesentliche erinnert.
