Einer unserer Stammplätze wurde das Café des Karma-Kagyu-Tempels.

Die Betreiber des Cafés begegneten uns stets warmherzig und offen und freuten sich jedes Mal spürbar über unseren Besuch. Es handelte sich um ein Ehepaar und ihren Sohn, die vor einigen Jahren gemeinsam nach Indien gekommen waren, um das Café zu führen. Der Mann bereitete den wohl besten Haferschleim zu, den ich bis dahin gegessen hatte – weshalb wir ihn liebevoll den „Porridge Master“ nannten.
In einem Gespräch erzählte er uns, dass er für die Erstellung des jährlich erscheinenden Karma-Kagyu-Kalenders verantwortlich ist. Wir waren gleichermaßen überrascht wie begeistert, da einige aus unserer Gruppe diesem Kalender bereits seit vielen Jahren folgten.
Ihr Sohn war etwa neun Jahre alt, und ich erinnere mich noch gut an den ersten Eindruck, den er auf mich machte. Als ich ihm in die Augen sah, wirkte sein Wesen bemerkenswert klar und ruhig – fast so, als wäre er in seiner Art weiser als viele Kinder in diesem Alter. Manchmal beobachtete ich ihn dabei, wie er mit den jungen Mönchen, die dort lebten, Federball spielte. Es war ein berührendes Bild: scheinbar zwei unterschiedliche Welten, die in natürlicher Harmonie aufeinandertreffen und gemeinsam das Leben genießen.
Da es an diesem Tag in Strömen regnete, verlängerten wir unser Frühstück im Café und Repa Gyatso nutzte die Gelegenheit für Teachings. Ich kann mich noch daran erinnern, dass es um die verschiedenen Störgefühle ging. Im Buddhismus gibt es fünf Hauptstörgefühle: Zorn, Gier, Verwirrung, Neid und Stolz. Natürlich zeigen sich diese in unzähligen Kombinationen, doch diese fünf lassen sich klar benennen und so gezielt damit arbeiten – aus jedem Störgefühl können wir etwas lernen.
Als Repa Gyatso die verschiedenen Störgefühle näher erläuterte, Beispiele dazu gab und erklärte, warum unser Ego scheinbar so fest als Idee besteht und wir uns damit identifizieren, stellte sich mir eine Frage: Wie kann ich am besten mit meinem Hauptstörgefühl – dem Zorn – arbeiten?
Ich stellte ihm diese Frage, und seine Antwort war klar und direkt:
„Warum arbeitest du nicht gleich mit der Basis – mit der Verwirrung selbst?“
Denn Verwirrung ist die eigentliche Ursache aller Störgefühle, Identifikationen, Konzepte und falschen Anschauungen. Wenn wir also direkt mit der Verwirrung arbeiten – und das können wir durch Meditation, Mitgefühl und Weisheit -, ist dies der unmittelbarste Weg aus unseren Begrenzungen.
Diese Antwort brachte mich ins Reflektieren. Ich begann, konkrete Situationen zu erkennen, in denen Verwirrung offensichtlich wirksam ist. Am deutlichsten zeigen sich diese Momente, wenn ich in starken Emotionen gefangen bin oder im Gedankenkarussell feststecke. Doch eigentlich gilt: Alles, was auf Verwirrung gründet, kann nur weitere Verwirrung hervorbringen.
Durch diese Erkenntnis wurde mir noch klarer, warum die eigene Praxis so kostbar ist. Sie ermöglicht Momente, ausserhalb der Idee des Egos – denn das Ego ist letztlich die Verwirrung selbst.
Wenn wir die Welt durch den Filter des Egos wahrnehmen, erleben wir lediglich unsere persönliche Wahrheit, jedoch nicht die tatsächliche Wirklichkeit. Diese begrenzte Wahrnehmung ist unsere Idee von der Welt. Und dennoch halten wir sie für real, für die Wirklichkeit, nur weil wir sie erleben.
Repa Gyatso brachte hierfür ein anschauliches Beispiel: Wenn wir träumen, halten wir das Erlebte im Traum ebenfalls für echt. Doch nur weil wir es glauben, wird der Traum nicht zur Wirklichkeit. Wir können weder Personen noch Gegenstände aus dem Traum mitnehmen, wenn wir aufwachen. Die Dinge erscheinen zwar, aber nichts davon ist real. Was passiert also wenn wir aus der eigenen Ich-Illusion aufwachen?
In diesem Sinne ist auch der Name Buddha – der Erwachte – eine schöne und treffende Anekdote.

Das Teaching wurde fortgeführt und führte uns zum Thema, anderen Wesen zu helfen. Repa Gyatso erklärte, dass es uns oft am leichtesten fällt, jenen zu helfen, die offensichtlich Unterstützung benötigen. Solange wir bedingungsloses Geben noch nicht wirklich leben können, ist es hilfreich, dort zu beginnen, wo wir die Wirkung unseres Handelns unmittelbar erfahren dürfen – etwa durch Dankbarkeit oder eine sichtbare Entlastung beim Gegenüber.
Doch nicht jede gute Handlung braucht eine sofort erkennbare Auswirkung. Die Wirkung einer Ursache entfaltet sich oft auf eine Weise, die wir nicht direkt wahrnehmen. Durch eine gute Tat können wir einen Samen (einen Eindruck) beim anderen setzen, der mit der Zeit zur Reife kommen kann.
> Helfe ich wirklich jemand anderem oder hilft er eigentlich mir? <
Wir können immer etwas tun – unabhängig davon, wie groß oder klein der Beitrag erscheint. Und wenn es schwerfällt, anderen zu helfen, darf man klein anfangen. Auch kleine Gesten tragen Bedeutung und Wirkung in sich.
Für Praktizierende eröffnet sich darüber hinaus eine tiefere Betrachtung: Mit einem verwirrten Geist finden wir zwangsläufig nur samsarische Lösungen für unsere Probleme.
Gerade die eigene Hilflosigkeit kann dabei zum Weg werden. Wir können sie nutzen, um den Wunsch nach schnellstmöglicher Befreiung – zum Nutzen aller Wesen – stärker werden zu lassen.
Und selbst wenn dieser Wunsch noch nicht deutlich spürbar ist, können wir den Wunsch haben, diesen Wunsch zu entwickeln.

So saßen wir hier, reflektierten und folgten den Worten von Repa Gyatso.
An diesem Tag war mein Partner Simon mit einer technischen Schwierigkeit konfrontiert. Er hatte vor langer Zeit die Website der Meditationsakademie erstellt und plötzlich schien sich ein gravierender Fehler eingeschlichen zu haben: Die gesamte Website war offline.
Sofort griff er zum Telefon, um den Kundendienst zu kontaktieren und das Problem zu beheben. Doch die bittere Realität deutete darauf hin, dass die Website unwiderruflich gelöscht worden war. Design, Inhalte, Texte – alles, was über viele Wochen hinweg aufgebaut worden war, schien verloren. Diese Information war erschütternd.
Stundenlang versuchte Simon dennoch, eine Lösung zu finden und die Website wieder zum Laufen zu bringen. Mit dem WLAN im Karma-Kagyu-Café gestaltete sich dieser Prozess jedoch mühsam und langwierig, ohne dass sich eine Lösung abzeichnete. Nach zahlreichen Versuchen musste er sich schließlich eingestehen, dass die Website nicht wiederhergestellt werden konnte und ein kompletter Neuaufbau nötig sein würde.
Er sprach mit Repa Gyatso und teilte ihm die schlechte Nachricht mit. Repa Gyatso entgegnete ruhig, dass Bodhgaya ein perfekter Ort für einen Neuanfang sei. Simon solle die Situation nicht als etwas Negatives betrachten, sondern als Möglichkeit, hier etwas Neues und Wertvolles entstehen zu lassen. Diese Worte halfen ihm, die Situation vollständig zu akzeptieren und den bevorstehenden Aufwand mit neuer Motivation zu tragen.
Er kontaktierte den Kundendienst ein weiteres Mal, um die nächsten Schritte zu besprechen. Dieses Mal hatte er einen anderen Mitarbeiter am Telefon, der ihm überraschend zusicherte, das Problem beheben zu können – ohne dass eine neue Website erstellt werden müsse. Simon war sichtlich verwundert, da ihm zuvor erklärt worden war, dass alle mit der Website verknüpften Daten gelöscht seien. Er wartete ab – und tatsächlich: Nach stundenlangem Hin und Her konnte die Website wieder aktiviert werden.
Diese Situation und die Akzeptanz dazu zeigten uns wieder einmal: nur wenn eine Situation vollständig akzeptiert wird, können sich neue Möglichkeiten ergeben.
Entsprechend groß war unsere Erleichterung über diese Wendung.
Am Abend gingen wir in ein indisches Restaurant, in dem wir bisher fast täglich gegessen hatten.

Die Mitarbeiter waren freundlich, und das Essen war uns vertraut – wir bestellten stets dieselben Gerichte, die wir gut vertrugen. An diesem Abend jedoch verloren wir das Wesentliche aus den Augen und folgten einer samsarischen Gewohnheit: Wir wollten Abwechslung.

Statt bei dem zu bleiben, was uns guttat, entschieden wir uns, Neues auszuprobieren. Die Gier nach Vielfalt führte dazu, dass zahlreiche neue Gerichte auf den Tisch kamen.
Die anderen aus der Gruppe bedienten sich und auch Repa Gyatso wurden die Speisen angeboten. Er lehnte dankend ab. In mir regte sich in diesem Moment ein leises Warnsignal. Es kam mir merkwürdig vor, dass er nicht probieren wollte. Aus diesem Gefühl heraus lehnte auch ich die neuen Gerichte ab und blieb bei dem Bekannten.
Kurz darauf zeigten sich die Folgen dieser Gier. Meiner Cousine wurde als Erste übel, und sie musste sich bereits im Restaurant übergeben. Nach und nach ging es auch den anderen immer schlechter und es war offensichtlich: eine Lebensmittelvergiftung.
In Indien wünscht sich niemand eine solche Situation. Uns wurde bewusst, dass im schlimmsten Fall ein Großteil der Gruppe für mehrere Tage ausfallen würde: keine Teachings, kein Besuch des Mahabodhi-Tempels, kein geplanter Ausflug am nächsten Tag, der eine mehrstündige Autofahrt beinhaltet hätte.
Der Tag endete somit alles andere als gut – ausgelöst durch das Überhandnehmen des Störgefühls der Gier.
Und doch sollte sich genau diese unerwünschte Situation am folgenden Tag als Gelegenheit erweisen, die wahre Größe von Repa Gyatso auf eine ganz besondere Weise zu erleben.
