Am zweiten Tag holte Repa Gyatso die Gruppe aus der Hotellobby ab, um ihnen den Umzug zu zeigen – eine große Prozession, an der Mönche und Laienpraktizierende aus verschiedenen Ländern teilnahmen.

Da Simon (mein Partner) und ich am Morgen etwas später dran waren, mussten wir mit Bedauern feststellen, dass Repa Gyatso und die anderen bereits losgegangen waren. In diesem Moment kam Enttäuschung in mir auf und darunter spürte ich Zorn. Ich war wütend, weil ich Simon im Zimmer mehrfach gebeten hatte, sich zu beeilen, und nun das Gefühl hatte, durch ihn eine wertvolle Gelegenheit verpasst zu haben.

In diesem Moment erinnerte ich mich an ein Teaching, das mir Repa Gytso kurz vor der Reise gegeben hatte:

Er meinte, dass sich auf der Reise sehr viele Möglichkeiten ergeben, die in einem Moment da sind und im nächsten Moment wieder vorbei sind. Dies kann sich darin ausdrücken, dass wir ein Wunder erleben können, welches im nächsten Moment nicht mehr sichtbar ist oder dass wir andere Möglichkeiten verpassen.

Als ich diese Erkenntnis hatte, wurde mir klar, dass ich eigentlich wütend auf mich selber bin und dass ich noch in einem Geisteszustand war, mit dem ich diese Pilgerreise als ein Abenteuer sah. Mir wurde bewusst, wie wertvoll diese Reise ist und dies keine gewöhnliche Reise darstellt. Wenn der Fokus und die Achtsamkeit also auf die Ablenkungen, Samsara und Ego gerichtet sind, werde ich sehr viel verpassen. Diese Situation war also ein Weckruf, für meine Ausrichtung und meinen Fokus.

Bis Repa Gyatso und die Gruppe zurückkehrten, verbrachte ich Zeit mit dem Hotelbesitzer. Wir sprachen über das Leben in Indien, über Ehen, über Europa und seine Träume. Es war ein einfaches, ehrliches Gespräch und ich war dankbar, dadurch tiefer in die indische Kultur einzutauchen.

Wenig später machte sich die Gruppe wieder gemeinsam auf den Weg zum Erleuchtungsbaum. Schon der Weg dorthin war wie eine eigene kleine Reise: Überall Menschen, Farben, Gerüche und an jeder Ecke bot jemand etwas an: Essen, Kleidung, Statuen, Malas.

Erst im Nachhinein fiel mir auf, wie wenig ich an diesem Tag wirklich gesehen hatte – die Armut, die Kinder, die bettelten, die Menschen mit Verletzungen. Mein Fokus lag noch immer auf etwas anderem.

Repa Gyatso stellte uns an diesem Tag einen alten Freund vor – Imaum, den alle nur liebevoll „Mohammed“ nannten. Er empfing uns herzlich mit einem Chai, und dieser kleine Stand wurde in den kommenden Tagen zu einem festen Ritual. Auf dem Weg zum Stupa oder zurück hielten wir dort oft an, tranken Tee und tauschten uns aus.

Später besuchten wir einen kleineren Stupa, umrundeten ihn dreimal und machten Gruppenfotos. Schon dort merkten wir, dass wir für viele Einheimische ein ungewohntes Bild waren – besonders eine Teilnehmerin mit langen blonden Haaren zog neugierige Blicke auf sich.

Kurz darauf führte uns der Weg zu einem bhutanischen Tempel und dort begann eine Reihe von ungewöhnlichen Ereignissen. Da das Tor verschlossen war, machten wir zunächst vor dem Zaun ein Foto.

Als wir noch überlegten, wie wir hineinkommen könnten, tauchte plötzlich ein Mönch auf und öffnete das Tor – den Schlüssel zog er mitten aus einem Baumstamm hervor.

Kaum waren wir eingetreten, fuhr ein Auto vor. Repa Gyatso erkannte den Beifahrer sofort: ein bedeutender Rinpoche aus Bhutan. Auf dem Weg zum Tempel begleitete uns ein Schmetterling, was das Lieblingstier einer Mitreisenden ist und Leichtigkeit verkörpert.

Wir betraten den Tempel und unser Lehrer erklärte uns die Wandmalereien. Bei einer Darstellung richteten sich alle Praktizierenden Richtung Buddha aus, nur einer zu einem scheinbar weiteren Praktizierenden. Repa Gyatso erklärte, dass die Wandgemälde daher immer Schüler der drei Yanas (Hinayana, Mahayana, Vajrayana) ansprechen. Der Schüler der zu einem anderen Praktizierenden ausgerichtet war, ist die Darstellung von Vajrayana. Denn im Vajrayana ist der Lehrer das höchste Prinzip, er ist der lebende Buddha, er ist die Essenz von Körper, Rede, Geist, Qualitäten und Aktivitäten all derjenigen, die in den 3 Zeiten und 10 Richtungen den Weg zu Soheit gegangen sind.

Nicht nur bei den Wandgemälden, auch bei den Lehrreden des Buddha kann man verschiedenen Yanas in Bezug setzen. Er gab zwar eine Unterweisung, aber je nach Geisteszustand des Schülers war ein anderer Zugang möglich. Daher ist und bleibt der Buddhismus auch in sich geschlossen und geheim.

Im Tempel herrschte eine friedvolle, fast geschützte Atmosphäre. Links eine große Statue von Guru Rinpoche, in der Mitte Buddha, rechts Chenrezig. Die Mönche bereiteten gerade eine Puja vor, und ein Hund lag ruhig vor der Tür – als würde er den Raum bewachen. Einer der Mönche kam zu uns, schenkte uns aus einer Kanne den Segensnektar, und kurz darauf wurden wir eingeladen, an der Puja teilzunehmen.

Wir bekamen die Möglichkeit, auf den Plätzen, auf die normalerweise nur Mönche durften, zu sitzen.

Ich sass am Ende der Bank, direkt neben der Statue von Guru Rinpoche. Repa Gyatso sass am anderen Ende beim Ausgang. Bevor die Puja begann, kehrte ich in mich und entschied mich dazu, die Mantras von Guru Rinpoche zu rezitieren. Eigentlich hatte ich dieses Mantra vorwiegend bei Repa Gyatso gehört, als er es rezitierte. Ich fühlte immer einen Bezug dazu, doch selbst hatte ich es nie wirklich rezitiert. Als ich dieses Mantra im Tempel leise rezitierte, fühlte ich eine enorme Kraft. Kurzzeitig vergass ich sogar, wo wir uns gerade befinden, weil ich in eine Art Trance verfiel.

Ich kam zu der Schlussfolgerung, dass Repa Gyatso uns wohl diese Tür geöffnet hat und ich konnte aber überhaupt nicht einordnen oder realisieren, was wir da wirklich erleben. Auch dass wir genau auf der Seite von Guru Rinpoche saßen und sozusagen Repa Gyatso und Guru Rinpoche den Anfang / das Ende bildeten, war für mich kein Zufall.

Folgende Gedankengänge taten sich auf: Guru Rinpoche ist der Vajrayana Buddha. Es gibt eine direkte Übertragungslinie und geheime Übertragungslinie von Guru Rinpoche. Der Geist vom Lehrer und Schüler ist untrennbar – Repa Gyatso ist der lebende Vajrayana Buddha.

Mit Staunen begann die Mahakala-Puja – ungewöhnlich, denn normalerweise findet sie bei Sonnenuntergang statt. Währenddessen fragte Repa Gyatso, wer bleiben und wer gehen möchte, da die Zeremonie mehrere Stunden dauern würde. Ich war noch in meiner eigenen Welt versunken und verstand kaum, was um mich herum geschah. Die Gruppe ging und so folgte ich der Gruppe hinaus. Erst später erkannte ich, dass dies ein subtiler Test war: Ob wir uns von äußeren Umständen beeinflussen lassen oder ob wir den Fokus auf unseren Lehrer halten können.

Anschließend besuchten wir den Zen-Tempel, dessen Wandbilder die Lebensgeschichte Buddhas schlicht und klar darstellten – für jeden verständlich. Danach führte uns unser Weg zum Karma-Kagyu-Tempel. Mit Repa Gyatso diesen Ort zu betreten, fühlte sich an wie ein Nachhausekommen – als würde sich ein Kreis schließen.

Das Gelände war wunderschön gestaltet, überall kunstvolle Details. Wir sahen auch junge Mönche herumspielen und es kam mir vor, als würden sie gerade aus alten Geschichten herausspringen, die uns unser Lehrer über sie erzählte. Auf der Rückseite des Tempels hing eine riesige Gebetsmühle von der Decke.

Gemeinsam drehten wir sie und ich spürte förmlich die Kraft, die sich dadurch entfaltete. Von diesem Moment an drehte ich sie jedes Mal, wenn wir vorbeikamen. In diesem Raum zeigte uns Repa Gyatso noch die wichtigsten abgebildeten Linienhalter.

Vor dem Tempel gab uns Repa Gyatso Unterweisungen zum Rad des Lebens – ein uraltes Symbol, das die Zyklen von Geburt, Tod und Wiedergeburt darstellt.

Danach liefen wir weiter, bis wir an einen kleineren Stupa kamen. „Das ist der Stupa, den ich am liebsten einfach umarmen würde“, sagte Repa Gyatso lächelnd. Wir umrundeten ihn dreimal, hielten unsere Stirn an den Stein und spürten die Kraft dieses Ortes.

Kurz darauf bat uns unser Lehrer, uns an den Händen zu halten und die Augen zu schließen. Als wir sie wieder öffneten, standen wir vor einer gigantischen Buddha- Statue. Es war unglaublich. Solche Momente verwandelte Repa Gyatso immer wieder in wahre Geschenke und wir wurden dadurch immer mehr in ein neues, magisches Erleben hineingezogen.

Als wir um dem Buddha herumliefen, hörten wir Geschichten zu den einzelnen Statuen, welche rundherum standen. Es waren alle Schüler, welche den Buddha auf seinem Weg begleiteten. Ananda zum Beispiel, hatte ein unglaublich klares Gedächtnis und konnte somit die Lehren von Buddha Wort für Wort wiedergeben. Sie sind also alle ein gewisser Teil der Lehren, welche uns heute noch zur Verfügung stehen. Mir wurde mit der Zeit immer mehr bewusst, welches Karma wir hatten, einen Lehrer zu haben, der uns lehrte, mit welcher Geisteshaltung man solche Orte wahrnehmen konnte.

Beim Verlassen der Statue hielten wir kurz um einen Moment zu genießen und eine Frau zu beobachten, die zwischen Sonnenstrahlen den Rasen mit ihrer Hand stutzte. Es schien inmitten all der Menschen und Umgebung wie eine eigene kleine Zeitzone, in der nur sie, die Sonne und der grüne Rasen existierte.

Wir sind weiter gelaufen zum Nyingma Tempel, vorbei an einem Feld voller Müll.

Als wir in die Tempelmauern des Nyingma-Tempel- betraten, erblickten wir vor uns einen aussergewöhnlichen Stupa. Als erstes fiel mir die Farbe rot auf. Es waren in jeder Himmelsrichtung zwei Stupas dargestellt und in der Mitte ein größerer und daher bestand der Stupa aus 9 einzelnen Stupas. Der in der Mitte hatte die Farbe blau und im Schrein war eine Statue von Guru Rinpoche. In jedem einzelnen Stupa war eine Statue eingearbeitet.

Wenige Tage später sollten uns die Farben noch einmal begegnen, denn genau an dieser Stelle gab es ein Teaching über die Buddhafarben, Qualitäten und Hindernisse.

Als wir vor dem Stupa ankamen, sind einige der Schüler rechts am Stupa vorbei gelaufen. Repa Gyatso jedoch begann im Uhrzeigersinn den Stupa zu umrunden. Die anderen kamen zurück und folgten seinem Beispiel. Dies war ein gutes Teaching zum

Thema Gewohnheitsmuster und Hindernisse. Denn in diesem Moment hätte bei einem der Schüler ein Störgefühl aufkommen können und er hätte es ablehnen können den Weg zurück zu gehen. Es könnte der Gedanke hoch kommen „Ach egal, jetzt ist es eh schon zu spät“ oder „Ja okay, mach ich das nächste Mal“ oder oder oder. Unsere eigenen Gewohnheitstendenzen sind so festgefahrene Muster und meistens bemerken wir garnicht, wenn sie sich einschleichen beziehungsweise wie wir unsere Welt durch sie aufbauen. Hätte ein Schüler sein Störgefühl so ernst genommen, dass ihn dieses dabei gehindert hätte, umzukehren, hätte in dem Moment nicht die Weisheit sondern das Ego gewonnen. Wir waren uns in dem Moment zwar nicht bewusst, was wir gerade daraus lernen können, doch Repa Gyatso war froh darüber, dass wir alle seinem Beispiel gefolgt sind.

In den darauffolgenden Tagen lernten wir ausserdem eine Bedeutung davon, warum wir den Stupa im Uhrzeigersinn umrunden. Repa Gyatso erklärte uns dies anhand dem Beispiel eines Wasserrades. Bewegt sich dieses im Uhrzeigersinn so wird das geschöpfte Wasser nach außen getragen. Erfolgt die Bewegung jedoch gegen den Uhrzeigersinn, so wird das Wasser vereinnahmt oder besser gesagt angehäuft. Man könnte also sagen, dass es einmal ein Geben darstellt und einmal ein Nehmen. Wenn wir also einen Stupa umrunden, möchten wir die Mantras in die Welt hinaus tragen, wir möchten dass die Kraft unendlich groß wird und zum Besten aller Lebewesen wirkt. Daher laufen wir Koras im Uhrzeigersinn. Wir möchten keine Kraft tanken oder Energie bei uns behalten, sondern wir möchten alles positive Angesammelte verschenken. Ein weiterer Grund, warum Buddhisten im Uhrzeigersinn den Stupa umrunden, hat mit dem weiblichen und männlichen Prinzip zu tun.

Nach der Umrundung haben wir uns den Tempel von innen angeschaut und er wirkte auf mich fast majestätisch mit seinen ganzen Details.

Im Inneren waren 3 große Statuen: Guru Rinpoche, Buddha Shakyamuni und Chenrezig. Wir haben den Raum auf uns wirken lassen und uns dann mit den Mönchen die vor Ort waren unterhalten.

Als wir uns mit den Mönchen im Nyingma Tempel unterhielten, fragte Repa Gyatso, ob hier im Tempel noch freie Zimmer zur Verfügung standen. Einer der Mönche bejahte dies und bot uns die Möglichkeit an, morgen um die Mittagszeit die Zimmer zu beziehen. Mit dieser Situation waren mehrere einprägsame Aha Momente und Teachings verknüpft.

Zum einen war diese Gegebenheit eine Möglichkeit zu erkennen, wie „alles“ bedingt ist und in Abhängigkeit existiert. Der Zeitpunkt, die Umrundung des Stupas als Zeichen der Wertschätzung, die schlechten Bedingungen im anderen Hotel etc.

Dann wurde mir im Nachhinein bewusst, wie weit sich die Kette von Ursache und Wirkung in die Vergangenheit erstreckte. Denn bereits bei der Hotelbuchung fragte ich Repa Gyatso, welches Hotel ich in Indien buchen solle. Bei allen anderen Fragen bezüglich der Reiseplanung unterstütze er mich und half mir. Jedoch bei dieser Hotelbuchung sagte er, ich solle einfach ein Hotel aussuchen, das wird schon passen. Wenige Tage nach dem Einzug in den Nyingma-Tempel wurde mir bewusst, dass Repa Gyatso bereits vor der Reise wusste, wir werden nicht lange in dem Hotel bleiben und das Hotel wechseln.

Dies war eine Aha-Erlebnis für mich und wieder ein Teaching, das Zeit nur ein Konzept ist und das Repa Gyatso die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erleben kann, wie sie ist. Dass er während der Reise noch des öfteren mit dem Konzept Zeit spielt, wird sich in den weiteren Erlebnissen zeigen.

Des weiteren fragte er uns, was der ausschlaggebende Auslöser für die Möglichkeit der Veränderung war. Jeder von uns spekulierte herum, jedoch wusste keiner die richtige Antwort. Er erklärte uns, dass sich die Möglichkeit der neuen Unterkunft erst ergeben hat, als wir die Situationen im alten Hotel akzeptierten. Darin steckt ein sehr tiefgründiges Teaching, welches wir auf die Schwierigkeiten in unserem Leben anwenden können. Erst wenn wir eine Situationen völlig akzeptieren und keine Resistenz dagegen haben (= keine Anhaften und keine Abneigung) dann kann sich die Möglichkeit der Veränderung offenbaren. Dies ist ein Ausdruck von Gleichmut und nicht von Gleichgültigkeit.

> Anhaftung “ich will” & Abneigung “ich will nicht” = Begrenzung (Hilflosigkeit)

> Gleichmut “ich bin fein damit, ich akzeptiere” = Möglichkeit (Freiheit, Leichtigkeit)